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„Ich hatte mir,“ ſagt er, „eine alte, ſehr grämliche Frömmlerin vorgeſtellt, ich ſehe ein von Grazien geſchaf⸗ fenes Geſicht, ſchöne blaue Angen voll Milde, einen blen⸗ denden Teint, den Umriß eines bezaubernden Halſes; nichts entging dem raſchen Blicke des jungen Proſelyten, denn ich wurde auf der Stelle der ihrige, feſt überzengt, eine von ſolchen Miſſionären gepredigte Religion müſſe unfehlbar ins Paradies führen. Sie nimmt lächelnd den Brief, den ich ihr mit zitternder Hand reiche, öffnet ihn, wirft einen Blick auf den, welchen mir Herr von Pont⸗ verre gegeben hatte, kommt auf den meinigen zurück, den ſie ganz lieſt und wohl noch einmal geleſen haben würde, hätte ihr nicht ihr Lackei gemeldet, es ſei Zeit, einzutreten. „„Ei! mein Kind,““ ſpricht ſie zu mir mit einem Tone, der mich beben machte, „„wir laufen ſehr jung im Lande herum! Das iſt wahrhaftig Schade!““ Ohne meine Ant⸗ wort abzuwarten, fügte ſie dann bei: „ Erwarten Sie mich in meiner Wohnung; ſagen Sie, man ſoll Ihnen Frühſtück geben; nach der Meſſe werde ich mit Ihnen
ſprechen.““
Der erſte Aufenthalt von Rouſſeau bei Frau von Warens in Annech war, wie man ſich erinnert, von kur⸗ zer Dauer; er reiſte nach Turin ab, wo er den Prote⸗ ſtantismus abſchwören und ſich zum Katholicismus be⸗ kennen ſollte. Der Jünaling bewahrte keine ſehr erbauliche Erinnerung an ſeine Bekehrung, wenn man nach meh⸗ reren Epiſoden ſeines Noviciats in dem Kloſter, wo er eingeſchloſſen wurde, urtheilt.
„Eines Tags,“ ſagt er, „öffnete man eine andere eiſerne Thüre, welche in zwei Theile einen großen, den Hof beherrſchenden Balcon theilte. Durch dieſe Thüre traten unſere Schweſtern, die Katechumenen, ein, welche ſich, wie ich, nicht durch die Taufe, ſondern durch eine feierliche Abſchwörung regeneriren ſollten; das waren die größten und die gemeinſten Straßenläuferinnen,
Cornelia d'Afi. 2


