Teil eines Werkes 
9. Band (1844)
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Jahren die Jugend einer Zwanzigjährigen behalten hatte. Jetzt endlich darf ſie auf den Tod hoffen.

Entzückt von dieſer Hoffnung ſteht ſie auf, erhebt die Au⸗ gen gen Himmel und faltet die Hände zum Gebet. Ihr Blick fällt auf das Bild Johannes des Enthaupteten. Der Kopf, den der Märthrer in der Hand trägt, ſcheint, unter dem halbgeſchloſſenen Augenlied hervor einen Blick des Er⸗ barmens auf die ewige Jüdin zu werfen, auf Herodias, die im Taumel eines heidniſchen Feſtes die Pinrichtung des Hei⸗ ligen verlangt hatte. Jetzt vor ſeinem Bild ſcheint die ſeit Jahrhunderten auf ihr laſtende Unſterblichkeit zu ſchwinden.

Sie ruft aus: „Unergründliches Geheimniß! himmkiſche Hoff⸗ nung! Endlich beſänftigt ſich Gottes Zorn. Die Hand des Herrn führt mich zu den Füßen des heiligen Märthyrers, und zu ſeinen Füßen fange ich an ein menſchliches Geſchöpf zu ſein, nachdem zur Rache für ſeinen Tod der Herr mich zu ewigem Wandern verdammt hatte. Gott! laß nicht mich allein Vergebung finden! Kann der Handwerker, der wie ich,

die Königstochter, ſeit Jahrhunderten wandert, gleich mir das Ende ſeiner ewigen Wanderung hoffen? Wo iſt er,

Herr? Wo iſt er? Das Vermögen, welches du mir verliehen hatteſt, ihn durch ferne Räume zu ſehen, haſt du mir es entzogen? Gib mir es wieder in dieſem entſcheidenden Au⸗ genblick! Je mehr ich die menſchlichen Schwächen fühle, wo⸗ für ich dich preiſe, als das Zeichen des Endes meiner Lei⸗ den, deſto kürzer wird mein Blick durch die Unendlichkeit, deſto weniger vernimmt mein Ohr die Stimme des die Welt durchwandernden Mannes.“

Es war finſtere Nacht geworden. Der Wind erhob ſich in den hohen Tannen. Hinter ihren ſchwarzen Wipfeln ſieg Jangin zwiſchen dunklen Wolken die Silberſcheibe des Mondes auf.

Das Gebet der ewigen Jüdin ward erhört. Ihre Augen ſchloſſen ſich. Mit gefalteten Händen kniete ſie zwiſchen den

Trümmern, regungslos wie eine Bildſäule auf Grabmälern

Sie hatte ein Traumgeſicht.

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