Teil eines Werkes 
9. Band (1844)
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Ein und zwanzigſtes Kapitel. Der Calvarienberg.

Folgendes Traumgeſicht der Herodias. Auf dem einer kahlen, ſteilen Felſenhöhe erhebt ſich ein Calvarienberg. Die Sonne neigt ſich zum Unter⸗ gang. Das große Bild des Gekreuzigten, hoch über der end⸗ loſen wüſten Ebene, ſchimmert weiß auf dem dunklen Grund ſchwarzblauer Wolken, die den ganzen Himmel überziehen, und am Rand des Geſichtskreiſes dunkel violett mit langen Streifen blutrothen Lichtes abwechſeln. So weit rings um ie öhe das Auge reicht, iſt kein Grün zu ſehen auf der Kiesebene, welche dem Bett eines ausgetrockneten Meeres gleicht. Todesſtille herrſcht in dieſer Wüſte. Nur zuweilen laſſen rieſige, ſchwarze Geier mit rothen kahlen Hälſen und gelben Augen ſich in der Einöde nieder, um den Raub zu verzehren, den ſie in einer weniger wilden Gegend geholt haben. Wie war der Calvarienberg, eine Stätte des Gebetes, ſo fern von den Wohnungen der Menſchen errichtet worden? Er war das koſtſpielige Werk eines reuigen Sünders, der ſeinen Nebenmenſchen viel Unheil zugefügt hatte, der um Vergebung zu erwerben auf den Knieen die Höhe hinaufgerutſcht war und am Fuß des Kreuzes in einer nunmehr längſt ver⸗ wehten Hütte ſein Leben als Einſiedler beſchloſſen hatte. Der Himmel wird düſterer. Die purpurrothen Stteifen am Horizont entfärben ſich allmählig, wie das glühende Ei⸗ ſen, wenn es erkaltet. Plötzlich vernimmt man hinter dem alvarienberg auf der Oſtſeite das Geräuſch von Steinen, welche zum Fuß der Höhe hinabrollen. Der Tritt eines Wanderers, der durch die Ebene gekommen war und ſeit ei⸗ ner Stunde die Höhe herauſſtieg, hatte die Steine in Be⸗ wegung geſetzt. Man ſieht den Wanderer noch nicht, aber man hört ſeinen langſamen, feſten, gleichmäßigen Tritt. End⸗ lich erreicht er den Gipfel und ſeine hohe Geſtalt tritt auf dem Hintergrund des wolkigen Himmels hervor. Dieſer Wanderer iſt ſo bleich wie der Chriſtus am Kreuz. Von einer Schläfe zur andern zieht ſich über ſeine breite