Teil eines Werkes 
9. Band (1844)
Einzelbild herunterladen

— 31 —

det und ſie zuweilen unverſehens der Erde entrückt und zum Himmel erhebt. Zum Himmel — denn es heißt, ſich Gott

3 nähern, wenn der Menſch in reiner Wonne ſich dem unwi⸗

derſtehlichſten Drang überläßt, den Gott in ihn gelegt hat, den einzigen Drang, dem der Ordner des Welltalls einen Funken ſeiner Schöpferkraft beigemiſcht hat.

Dſchalma ſchlug zuerſt die Augen auf. Sie waren feucht und doch funkelnd. Die Gluth einer geſteigerten Liebe,

* das ſo lange zurückgehaltene Jugendfeuer, die hohe Bewun⸗ derung einer idealen Schönheit, ſprachen ſich in ſeinen Blicken aus, in welchen doch zugleich eine achtungsvolle Scheu lag,

und gaben ſeinen Zügen einen unbeſchreiblichen, unwiderſteh⸗

lichen Ausdruck. Als Adriana dieſen Blicken begegnete, er—

bebte ſie und fühlte ſich wie von einem magnetiſchen Wirbel erfaßt. Schon wurden ihre Augenlieder ſchwer von trunkener

Mattigkeit, als ſie all ihre Willenskraft und ihr Selbſtge⸗

fühl zuſammennehmend, dieſe wonnige Verwirrung überwand und von ihrem Seſſel ſich erhebend, mit zitternder Stimme zu Dſchalma ſagte: „Prinz, ich fühle mich glücklich, Sie hier

zu empfangen.“ Und auf das Bild hinter ſich deutend, fügte ſie hinzu: „Prinz, meine Mutter.“ Durch dieſe zarte Anden⸗

tung machte ſie ihre Mutter gewiſſermaßen zum Zeugen ihrer Unterredung mit Dſchalma, und wahrte ſich und den Königs⸗ ſohn vor den Verführungen eines erſten Beiſammenſeins, welches um ſo gefährlicher war, da beide ſich glühend geliebt wußten, beide frei waren und niemand als Gott verant⸗ wortlich für die Schätze der Wolluſt, die ihnen ſo reichlich 8 verliehen waren. Der Prinz verſtand die Gedanken Adriana's. Er verneigte ſich mit ungezwungener Einfachheit, beugte ein Knie vor dem Bild und ſagte mit ſanfter männlicher Stimme: „Ich will Sie ſegnen und lieben wie meine Mutter. Auch meine Mutter wird, wie Sie, in meinen Gedanken neben Ihrem Kind ſein.“ Gewiß die beßte Erwiderung eines Gefühls, durch welches Adriana beſtimmt worden war, ſich gleichſam unter den Schutz ihrer Mutter zu ſtellen. Von dieſem Augenblick an war Adriana über ſich und über den Prinzen beruhigt. Sie fühlte ſich zwanglos, und der üße Genuß des Glücks rrat allmählig an pie Stelle ihrer

*