₰ . Fünftes Kapitel.
Adriana und Dſchalma.
Der unſichere, eine holde Scheu verrathende Schritt des jungen Indiers ſo ganz im Widerſpruch mit ſeiner heftigen Gemüthsart, bewies, wie tief er ergriffen war. Noch hatte er nicht gewagt, die Augen zu dem Fräulein zu erheben. Er war plötzlich ſehr blaß geworden. Seine zum Zeichen der Verehrung auf der Bruſt gekreuzten Arme zitterten ſehr. Mit geſenktem Haupt blieb er einige Schritt vor Adriana ſtehen. Dieſe bei jedem Andern lächerliche Verlegenheit war rührend bei dieſem zwanzigjährigen Königsſohn von faſt fa⸗ belhafter Unerſchrockenheit, von ſo edlem Heldenſinn, deſſen die Reiſenden nur mit Bewunderung und Hochachtung erwähn- ten. Die ſanfte Regung, die züchtige Zurückhaltung war um ſo merkwürdiger bei dieſem Jüngling, wenn man bedenkt, wie entzündlich ſeine bis jetzt noch gezügelten Leidenſchaf⸗ ten ſein mußten.
Das Fräulein von Cardoville, nicht weniger verwirrt und verlegen, war ſitzen geblieben. Wie Dſchalma ſchlug ſie die Augen nieder. Das glühende Roth ihrer Wangen und das ſtürmiſche Wogen ihres jungfräulichen Buſens verriethen die Gemüthsbewegung, welche ſie nicht, verbergen ſuchte. Trotz der Feſtigkeit ihres je nach dem Anlaß ſcharfen und munteren, gewinnenden und ſchneidenden Geiſtes, trotz der Entſchiedenheit ihres ſtolzen unabhängigen Sinnes und trotz ihrer Gewohnheit in der großen Welt zu leben, zeigte Adriana in dieſem Augenblick wie Dſchalma das linkiſche Weſen eines
Naturkindes und eine holdſelige Verwirrung.
Dieſe beiden ſchönen, liebeglühenden Weſen ſchienen in der
Gluth ihrer Herzen wonnetrunken zu vergehen. Und doch waren ihre Blicke noch nicht einander begegnet. Beide ſcheu⸗ ten dieſen erſten electriſchen Schlag aus den Augen, dieſe unwiderſtehliche Anziehungskraft zwei liebender Herzen, pieß heilige Feuer, welches raſcher als der Blitz ihr Blut entzün⸗


