— 55
Uebrigens war nichts folgerechter als die auf einander folgen⸗ den Verwandlungen dieſes herzloſen Weibes, welches aufrich— tig und leidenſchaftlich nur das Ränkeſpiel und die Cliquen⸗ herrſchaft liebte. Nach Maßgabe ihres vorgerückten Alters war ſie naturgemäß von der Liebesintrigue zur politiſchen Intrigue, und von dieſer zur kirchlichen Intrigue überge⸗ gangen.
In dem Augenblick, wo die Fürſtin von St. Dizier die Beſichtigung ihrer Vorbreitungen beendigte, ließ ſich ein Kutſchengeraſſel im Hofe vernehmen und verkündete ihr die Ankunft der erwarteten Perſonen. Dieſe Perſonen mußten vom höchſten Rang ſein, denn ihrer Gewbhnheit zuwider ging ſie ihnen entgegen, um ſie an der Thür ihres erſten Saals zu empfangen
Es waren richtig der Cardinal Malipieri, welcher ewig fror, und der belgiſche Biſchof Herr von Halfagen, dem es ſtets zu warm war, begleitet von dem Pater Aigrigny. Der römiſche Cardinal war ein großer Mann, mehr knochig als mager, mit ſtolz wegwerfender und ſchlauer Miene und gelbem aufgedunſenen Geſicht. Er ſchielte ſtark, und ſeine ſchwarzen Augen waren von einem brauen vertieften Ring umgeben. Der belgiſche Biſchof war ein kleiner, kurzer, dicker unter⸗ ſetzter Mann, mit anſehnlichem Bauch, weicher, fleiſchigfetter Hand, apoplektiſcher Farbe und entſchiedenem Blick.
Bald war die kleine Geſellſchaft im großen Saal verſam- melt. Der Cardinal klemmte ſich ſofort an den Ofen, der Biſchof dagegen fing an zu ſchwitzen und zu blaſen und be⸗ äugelte von Zeit zu Zeit die Chocolate und den Kaffee im Eis, welche ihm dieſe künſtliche Hundstagshitze ertragen hel⸗ fen ſollten. Der Pater Aigrigny trat zur Fürſtin und ſagte ihr leiſe: „Wollen Sie Befehl geben, den Abbé Gabriel von Rennepont einzuführen, welcher nach Ihnen fragen wird.“
„Der junge Prieſter iſt alſo hier 24 fragte die Fürſtin mit lebhafter Ueberraſchung.
„Seit vorgeſtern,“ antwortete der Marquis. „Wir haben ihn durch ſeine Vorgeſetzten nach Paris beſcheiden laſſen. Sie
werden Alles erfahren. Was den Pater Rodin betrifft, ſo
wird Frau Grivois, wie letzthin, ihn durch die kleine Thür der Geheimtreppe einlaſſen.“ „


