Teil eines Werkes 
7. Band (1845)
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Sie neigte ſich zu Adrianen, welche noch immer in ihren Frinnerungen ſchwelgte und ſagte lachend zu ihr: „Liebe

Freundin, das Unterhaltendſte iſt nicht auf der Bühne. Sehen Sie einmal uns gegenüber!“

„Uns gegenüber?“ wiederholte das Fräulein gedankenlos, wandte ſich verwundert zu ihrer Begleiterin und richtete die

Augen nach der von ihr angedeuteten Stelle. Was ſah ſie?

Dſchalma, neben einem Mädchen ſitzend, welches ihn vertrau⸗ lich an einem Blumenſtrauß riechen ließ. Betäubt, wie von einem electriſchen Schlag ins Herz getroffen, ward ſie todten⸗ bleich. Einen Augenblick ſchloß ſie die Augen, um nicht zu ſehen, — wie man den Dolch wegzudrücken ſucht, der einen ſchon einmal getroffen hat und noch ferner bedroht. Plötzlich folgte dieſem ſo zu ſagen körperlichen Schmerz der für ihre Liebe und ihren gerechten Stolz ſchreckliche Gedanke: „Dſchalma iſt hier mit dieſem Weib! und er hat meinen Brief erhalten, meinen Brief, in welchem er das Glück, welches ihn er⸗ wartete, leſen konnte!“ Die entſetzliche Beleidigung, welche

darin lag, machte, daß an die Stelle der Bläſſe auf ihrem

Geſicht die Röthe der Scham und des Unwillens trat. Wie vernichtet von dem, was ihre Augen ſahen, ſagte ſie ſich: „Rodin hatte mich nicht getäuſcht.“

Es iſt unmöglich die Empfindungen zu beſchreiben, welche mit Blitzesſchnelle ſich folgend einen Menſchen in einer Minute zu Tod martern können. Aus dem Himmel ihres Glücks war

Adriana in einen Abgrund entſetzlicher Schmerzen geſtürzt und zwar in weniger als einer Secunde. Denn kaum nach einer Secunde erwiderte ſie der Frau von Morinval: „Was iſt denn ſo merkwürdig uns gegenüber, liebe Julie?“

Dieſe ausweichende Frage gab ihr Zeit, ſich zu faſſen. Zum

Gluͤck verbargen ihre langen Locken faſt völlig ihre Wangen für die neben ihr ſitzende Frau von Morinval, ſo daß dieſe ihr plötzliches Erbleichen und Erröthen nicht bemerken konnte und munter erwiderte: „Wie, liebes Kind? Sehen Sie nicht die Indier, welche eben in dieſe Loge eingetreten ſind? — da — gerade uns gegenüber!“

„Ach ja! — richtig — ich ſehe ſie,“ antwortete Adriana mit feſter Stimme.