Teil eines Werkes 
7. Band (1845)
Einzelbild herunterladen

„Herr von Montbron, Sie werden mich ſehr eingebildet machen.“

„Da hatten Sie ſehr Unrecht. Mein Herzeleid kommt gerade daher, daß Sie Ihre Schönheit vernachläſſigen. Be⸗ trachten Sie nur Ihr bleiches, angegriffenes, niedergeſchlagenes Geſicht. Seit einigen Tagen ſind Sie traurig. Ich bin über⸗ zeugt, Sie haben einen Kummer.“

„Werther Herr von Montbron, Sie haben in der Regel ſo viel Scharfblick, daß er Ihnen ausnahmsweiſe einmal fehlen darf, zum Beiſpiel heute. Ich bin nicht traurig, ich habe keinen Kummer und ich behaupte Ihnen keck und ſtolz ins Geſicht: Noch nie habe ich mich ſo ſchön gefunden.“

„Dieſe Behauptung iſt beſcheiden. — Wer hat Ihnen dieſe Lüge geſagt? Ein Weib?“

„Nein; mein Herz; und mein Herz ſagt die Wahrheit. Begreifen Sie es, wenn Sie können.“

„Wollen Sie damit ſagen, daß Sie ſich etwas auf Ihre verſtörte Miene zu gut thun, weil Sie ſtolz ſind auf die Leiden Ihres Herzens? — Alſo ich hatte Recht. Sie haben einen Kummer. Ich hebe das hervor, weil es mir ſchmerz⸗ lich iſt.“ .

„Beruhigen Sie ſich. Ich bin ſo glücklich, wie ein Menſch ſein kann. Jeden Augenblick freue ich mich des Bewußtſeins, daß ich in meinem Alter frei bin — völlig frei.“

„Frei, ſich zu quälen, — frei, ganz nach Belieben unglücklich zu ſein.“

„Lieber Graf, wir kommen da wieder auf unſern alten Streit. Ich finde wieder in Ihnen den Verbündeten meiner Tante und des Abbé Aigrigny.“

„Ja wohl! Etwa wie die Republikaner Verbündete der Legitimiſten ſind. Sie ſind im Einverſtändniß mit einander, um ſich ſpäter einander aufzufreffen. Da Sie von Ihrer ab⸗ ſcheulichen Tante ſprechen — es heißt, ſeit einigen Tagen werde bei ihr eine Art Concilium gehalten, bei dem es ſehr lebhaft hergehe, — eine Art infulirter Auflauf. Ihre Tante iſt auf einem guten Weg.“

„Warum nicht. Früherhin hätte ſie ſich vielleicht um die Rolle der Vernunftgöttin beworben, und jetz erleben wir vielleicht, daß ſie heilig geſprochen wird. Hat ſie nicht ſchon

8