erſten Mal in meinem Leben fühl' ich mich ſchwach und muthlos — ja muthlos!“
Das Oeffnen und Zumachen einer Thür ſtörte ſte in dieſen ſchmerzlichen Betrachtungen. Georgette trat ein und fragte: „Fräulein, können Sie den Herrn von Montbron empfangen?“
Adriana beſaß zu viel Takt, um eine Dienerin ihre Unge⸗ duld über einen ungelegenen Beſuch merken zu laſſen. „Haben Sie dein Herrn von Montbron geſagt, daß ich zu Hauſe wäre?“ fragte ſie ihrerſeits.
„Ja, Fräulein,“ antwortete das Kammermädchen.
„So bitten Sie ihn einzutreten.“
Adriana hatte eine faſt kindliche Zuneigung zu dem Herrn von Montbron, der ihr gerade jetzt ſo ungelegen kam. Dieſe achtungsvolle Zuneigung hinderte indeß nicht, daß ſie faſt immer anderer Meinung war, als er. So entſpannen ſich denn, wenn Adriana nicht verſtimmt war, zwiſchen ihr und ihrem väterlichen Freund die lebhafteſten, luſtigſten Erörte⸗ rungen, in welchen der alte Herr trotz ſeiner kauſtiſchen und ſteptiſchen Ader, trotz ſeiner Welterfahrung, Menſchenkennt⸗ niß und Durchtriebenheit, oft den Kürzeren zog, was er dann mit heiterer Miene geſtand. So z. B. hatte er (freilich aus andern als den von der Fürſtin von St. Dizier angeführten Gründen) lange ihren Entſchluß, für ſich und nach ihrem Gutdünken zu leben, bekämpft, bis er endlich ſchweigend er⸗ klärte, er wolle ihr Mitſchuldiger werden, — während Rodin dieſen Entſchluß als etwas hochherziges preiſend, einen ge⸗ wiſſen Einfluß auf ſie zu gewinnen wußte.
Der Graf von Montbron zählte damals bereits über ſechzig Jahre. Er war einer der ausgezeichnetſten Männer der feinen Welt unter dem Directorium, dem Conſulat und dem Kaiſer⸗ reich geweſen. Seine Verſchwendungen, ſeine Witze, ſeine Keckheiten, ſeine Zweikämpfe, ſeine Liebſchaften, ſeine Ver⸗ luſte im Spiel waren ſeiner Zeit der Gegenſtand aller Un⸗ terhaltungen in der höheren Geſellſchaft geweſen. Zur Be⸗ zeichnung ſeiner Sinnesart mag geſagt ſein, daß er mit all ſeinen ehemaligen Liebſchaften auf dem Fuß aufrichtiger Freund⸗ ſchaft geblieben war. Noch immer war er ein ſtarker und dabei ein feiner Spieler. Sein ganzes Anſehen verrieth den
vornehmen Mann. Seine Miene zeigte Entſchiedenheit und


