electriſchen Schlag zu empfinden. Sie zitterte am ganzen
halb erhaben gearbeitete Geſicht des Gottes in blaſſem Gold⸗ ſchimmer auf's deutlichſte aus dem Grund von dunkler un⸗ beſtimmter Farbe hervortreten.
Anfangs haftete der Blick Adrianas mit Ruhe auf dieſem vollendeten Bild. Allmählig ward ihre Betrachtung aufmerk⸗ ſamer, und endlich ſtand ſie auf und trat näher hinzu, als ob ſie eine merkwürdige Aehnlichkeit in demſelben gefunden hätte. Eine leichte Röthe ſtieg auf ihren Wangen auf und verbreitete ſich über ihre Stirn und ihren Hals. Sie trat ganz nahe hinzu, warf einen verſtohlenen, faſt verſchämten Blick um ſich her, als fürchtete ſie, bei einer tadelnswerthen Handlung überraſcht zu werden, und brachte zwei Mal ihre Hand nahe an das Bild, als wollte ſie mit den Fingerſpitzen die Stirn des Bacchus berühren. Aber beide Make ſchien eine gewiſſe Schamhaftigkeit ſie zurückzuhalten. Endlich ward die Verſuchung zu ſtark. Ihr Finger fuhr ſanft über das Geſicht des Götterbildes und ruhte eine Seecunde auf der Stirn desſelben. Bei dieſem leichten Druck ſchien ſie einen⸗
Leib. Ihre Augen wurden ſchmachtend, erhoben ſich feucht gen Himmel und ſchloſſen ſich halb. Ihr Kopf ſank etwas rückwärts, ihre Knie beugten ſich unmerklich und ihre Lippen öffneten ſich halb, während ihr Buſen heftig wogte, und ihr glühendes Geſicht eine ſcheue leidenſchaftliche Regung ihres Herzens verrieth. So ſtand ſie da, das ergreifende Bild einer Jungfrau, deren keuſche Stirn vom erſten Feuer eines geheimen Verlangens glüht — von jenem Feuer, welches nicht minder ein Ausfluß des Schöpfers iſt, wie der göttliche Funke des Geiſtes, und welches der läſternde Unverſtand zu erſticken ſucht, anſtatt es zu mäßigen und zu harmoniſchem Aufſchwung zu regeln.
Plötzlich erhob Adriana wieder das Haupt, öffnete die Augen, als ob ſie aus einem Traum erwachte, entfernte ſich raſch von dem Bild und ſank, ihre Stirn mit den Händen bedeckend, wieder auf ihren Sitz. Ihre Thränen floſſen, und bitterer Schmerz malte ſich auf ihren Zügen. Nach einiger Zeit folgte auf die Niedergeſchlagenheit ein heftiger Unwille gegen ſich ſelbſt, der ſich in den Worten Luft machte: „Zum


