Nachdem die Kleine ihren Salat verſpeist, wollte ſie eben ihre Oliven darauf ſetzen, als leiſe an ihre verriegelte Thür geklopft wurde. „Wer da?“ rief ſie.
„Ein Freund, ein Alter von der alten Garde,“ antwortete eine volltönende luſtige Stimme. „Schließen Sie ſich denn ein?“
„Sie ſind's, Nini Moulin?“
„Ja, meine liebe Tochter. Machen Sie geſchwind auf. Die Sache iſt dringend.“
„Aufmachen? Nicht übel! So wie ich geh' und ſtehe!“
„Das glaub' ich, wie Sie gehn und ſtehen ſind Sie nicht übel, gar nicht übel, o roſigſte unter den Pompons, mit welchen je Amor ſeinen Köcher geſchmückt hat!“
„Dicker Apoſtel, gehn Sie hin und predigen Faſten und Moral in Ihrem Journal,“ erwiderte Roſe Pompon, indem ſie das Scharlachhemd zu den übrigen Schifferkleidungsſtücken Philemons hängte.
„Ei, ei!“ ſagte Dümoulin, „ſollen wir noch lange zur
Erbauung der Nachbarſchaft durch die Thür converſiren? Bedenken Sie, daß ich Ihnen ſehr ernſte Sachen mitzutheilen habe, Sachen zum Ueberſchnappen.“
„Dicker Quälgeiſt! Laſſen Sie mir doch Zeit, ein Kleid anzuziehen!“
„Wenn das von wegen meiner Schamhaftigkeit iſt, ſo machen Sie ſich keine übertriebene Vorſtellung von ihrer Empfindlichkeit. Ich bin nicht zimperlich und laſſe mir Sie gefallen, wie Sie ſind.“
„Und ein ſolches Scheuſal iſt das Schooskind aller Küſter!“
rief Roſe Pompon, indem ſie die Thüre öffnete und den letzten Haken ihres Kleides einhängte.
Dumoulin verſchränkte mit komiſchem Ernſt die Arme, muſterte das Mädchen von Kopf bis zu Fuß und ſagte: „Sind Sie endlich wieder im Taubenſchlag zurück, Sie Zugvögelein! Und wo kommen Sie her, wenn man fragen darf? Seit drei
Tagen haben Sie nicht hier geniſtet, Sie garſtiges Täubchen!“
„Das iſt die Wahrheit. Erſt ſeit geſtern Abend bin ich wieder zurück. Sind Sie denn während meiner Abweſenheit hier geweſen?“ 5
„Jeden Tag zwei Mal für ein Mal, Fräulein, denn ich habe Ihnen ernſte Sachen mitzutheilen.“


