Teil eines Werkes 
5. Band (1844)
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Rathſchläge verdanken, wird es mir auch um ſo eher frei⸗ ſtehen, Sie zu tadeln, wenn ich etwas an Ihnen zu tadeln finde.“

„Demnach wäre mir die Dankbarkeit gegen Sie unterſagt?“ fragte Adriana.

„Nein, nein!“ rief Rodin mit anſcheinender Rührung. „Glauben Sie mir, es wird ein feierlicher Augenblick kom⸗ men, wo Sie ſich Ihrer Verpflichtungen entledigen können in einer Ihrer und meiner würdigen Weiſe.“

Das Geſpräch wardunterbrochen durch die Wärterin, welche ein⸗ trat und zu Adrianen ſagte „Fräulein, unten iſt eine buckelige Nätherin, welche mit Ihnen zu ſprechen wünſcht. Da es Ihnen nach den neuen Befehlen des Herrn Doetor freiſteht, zu empfangen, wen Sie wollen, ſo frage ich, ob ich ſie heraufkommen laſſen ſoll. Sie iſt ſo ſchlecht gekleidet, daß ich nicht gewagt habe — —“

Adriana erkannte an der Beſchreibung die Mayeux. „Sie ſoll heraufkommen!“ ſagte ſie lebhaft.

„Der Herr Doetor hat auch befohlen, ſeine Kutſche zu Ihrer Verfügung zu ſtellen. Soll angeſpannt werden?“

„Ja, in einer Viertelſtunde,“ antwortete Adriana.

Die Wärterin ging hinaus. Adriana ſagte zu Rodin: „Jetzt muß doch der Richter bald kommen und die Fräulein Simon hieher bringen?“

„Ich denke,“ erwiderte Rodin. Und mit gleichgültiger Miene fragte er: „Was iſt denn das für eine buckelige Nätherin?“

„Die Adoptivſchweſter eines wackeren Handwerkers, welcher Alles aufs Spiel geſetzt hat, um mich aus dieſem Haus zu reißen. Dieſe Nätherin iſt ein ſeltenes, treffliches Geſchöpf. Eine erhabenere Geſinnung, ein edleres Herz war noch nie verborgen unter einem Aeußern von ſo wenig — —“

Adriana hielt inne indem ſie an Rodin dachte, deſſen Weſen ihr denſelben Widerſpruch des Aeußern gegen das Innere zu enthalten ſchien, wie das der Mayeur. Mit einem Blick unnachahmlicher Anmuth fuhr ſie fort gegen den Je⸗ ſuiten, der ſich über ihr plötzliches Schweigen wunderte,

„Nein, dies edle Mädchen iſt nicht die einzige Perſon, welche beweiſt, wie ſehr Seelenadel und Geiſt die eitlen Vortheile des Zufalls und des Reichthums gering ſchätzen lehrt!“

In dem Augenblick, wo Adriana dieſe letzten Morte ſprach, trat die Mayeux in das Zimmer.