niemand verletzte. Mit welcher Freude und welchem Stolz mußte ſie hören, wie ein Mann von Geiſt ihre Beſtrebungen, über welche ſie kürzlich noch ſo hart getadelt worden war, nicht nur lobte, ſondern ihr auch wegen derſelben, als einer großen, edlen, göttlichen Sache, Glück wünſchte!
Betroffen über den ſeltenen Verſtand dieſes Menſchen, neu⸗ gierig gemacht durch einige geheimnißvolle Worte, welche er abſichtlich hatte fallen laſſen, unvermögend, ſich die eigen⸗ thümliche von ihm auf ſie geübte Wirkung zu erklären, und bewegt von achtungsvollem Mitleid mit der mißlichen Lage eines ſo einſichtsvollen Greiſes, ſagte Adriana mit der ihr natürlichen Herzlichkeit: „Ein Mann von Ihrer Tüchtigkeit und von Ihrem Herzen darf nicht der Laune des Zufalls preisgegeben ſeyn. Einige Ihrer Worte haben mir neue Anſchauungen eröffnet. Ich fühle, daß in Zukunft Ihre Rathſchläge mir vielfach nützlich ſeyn können. Indem Sie gekommen ſind, mich aus dieſem Haus zu reißen, haben Sie mir Beweiſe von Theilnahme gegeben, die ich, ohne undank⸗ bar zu ſeyn, nicht vergeſſen kann. Eine geringe aber ſichere Stellung iſt Ihnen genommen worden. Erlauben Sie mir — —
„Kein Wort weiter, werthes Fräulein,“ unterbrach Rodin mit verdrießlicher Miene. „Ich hege für Sde ein tiefes Mit⸗ gefühl. Ich rechne mir die Gemeinſamkeit unſerer Anſichten zur Ehre. Auch glaube ich feſt, daß Sie eines Tags ſich bei dem armen alten Philoſophen Raths zu erholen haben werden. Aber eben darum muß und will ich Ihnen gegen⸗ über die vollſtändigſte Unabhängigkeit bewahren.“
„Werther Herr, ich würde mich ja Ihnen verppflichtet er⸗ achten, wenn Sie das, was ich Ihnen anbieten will, anneh⸗ men wollten.“
„O, ich weiß,“ ſagte Rodin lächelnd, „daß Ihr Edelſinn ſtets die Dankbarkeit leicht und ſüß zu machen wiſſen wird.
Aber nochmals, ich kann nichts von Ihnen annehmen. Eines
Tags vielleicht — — werden Sie erfahren, warum.“ „Eines Tags?“ „Ihnen mehr zu ſagen iſt mir unmöglich. Und angenom⸗ men, ich hätte Verbindlichkeiten gegen Sie, wie könnte ich Ihnen dann garz ſagen, was ich Schönes und Gutes an Ihnen finde? Späterhin, wenn Sie mir viel für meine


