Teil eines Werkes 
5. Band (1844)
Einzelbild herunterladen

Abbé Aigrigny- behandelten Sie als eine Verrückte, weil

„Was iſt dabei zu verwundern? Ich ſage Ihnen ohne Rückhalt meine Eindrücke. In dieſem Augenblick erkläre ich mir z. B. vollkommen Ihre leidenſchaftliche Liebe für das Schöne, Ihre Verehrung für verfeinerte Sinnlichkeit, Ihr glühendes Streben nach einer beſſeren Welt, Ihre muthvolle Verachtung erniedrigenden Herkommens, dem das Weib un⸗ terworfen iſt. Ja, jetzt verſteh' ich noch beſſer den edlen Stolz, mit welchem Sie auf den Haufen eitler, ſelbſtgefälliger, lächerlicher Männer herabſehen, welche das Weib betrachten als ein Geſchöpf, das ihnen heimgefallen wäre kraft der Ge⸗ ſetze, welche ſie nach ihrem, nicht ſchönen, Bild ge⸗ macht haben. Nach der Meinung dieſer kleinen Tyrannen muß das Weib als ein niederes Geſchöpf, in welchem ein Concilium von Cardinälen mit einer Mehrheit von zwei Stimmen geruht hat, eine Seele anzuerkennen, — nach ihnen muß das Weib ſich glücklich ſchätzen, die Magd dieſer im dreißigſten Jahr gealterten, athemloſen, überſättigten kleinen Paſchas zu ſeyn, die von Ausſchweifungen erſchöpft, und um ſich von ihrer Ermattung zu erholen, dem Ding ein Ende machen wollen und ein armes junges Mädchen heirathen, welches ſeinerſeits einen Anfang machen will.“

Das Fräulein von Cardoville würde ohne Zweifel über die ſatyriſchen Bemerkungen ihres Befreiers gelächelt haben, wenn ſie nicht zu ſehr betroffen geweſen wäre, ihn ganz ihre Gedanken ausſprechen zu hören, jetzt, wo ſie ihn zum erſten Male ſah. Sie wußte nicht, daß ſie es mit einem Jeſuiten von ſeltenen Verſtandesgaben zu thun hatte, der mit den ge⸗ heimen Kenntniſſen und Hülfsmitteln des Polizeimannes den tiefen Scharfblick des Beichtvaters verband, — mit einem Teufelsprieſter, welcher aus einigen Angaben, einigen Aeuße⸗ rungen, einigen Zeilen einen Character herausconſtruirte, wie Cuvier einen Körper aus einigen zvologiſchen Bruchſtücken. Weit entfernt, ihn zu unterbrechen, hörte ſie ihm mit ſtei⸗ gender Aufmerkſamkeit zu.

Der von ihm hervorgebrachten Wirkung ſicher fuhr Rodin im Tone des Unwillens fort: „Und Ihre Tante und der

Sie ſich gegen das künftige Joch dieſer kleinen Tyranner empörten! weil Sie aus Haß gegen die ſchimpflichen Laſter