finden bei einem Unter⸗Steuereinnehmer. Schon vor einiger Zeit hatte ein guter Freund mir dieſe Stelle angeboten; 3 aber ich wollte nicht vom Pater Aigrigny weggehen, trotz den großen Vortheilen, die mir geboten waren. Denken Sie ſich, . liebes Fräulein: achthundert Franken und Koſt und Wohnung frei! Da ich etwas menſchenſcheu bin, ſo hätte ich lieber für mich gewohnt. Aber Sie ſehen, bei den ſonſtigen Vorthei⸗ len, die mir geboten ſind, muß ich mir wohl dieſe kleine Unbequemlichkeit gefallen laſſen.“
Wir müſſen darauf verzichten, die Unbefangenheit zu ſchil⸗ dern, mit welcher Rodin dieſe vertraulichen und überaus lü⸗ genhaften Mittheilungen von den Geheimniſſen ſeiner Haus⸗ haltung machte. Adrianens letzter Argwohn ſchwand. Ge⸗ ſpannt fragte ſie den Jeſuiten: „Wie? in drei bis vier Tagen wollten Sie Paris verlaſſen?“
„Ich hoffe es, liebes Fräulein, und zwar,“ fügte er in geheimnißvollem Tone hinzu, „aus mehren Gründen. Was aber für mich von großem Werth ſeyn müßte,“ (hier nahn er einen ernſten innigen Ton an und betrachtete Adrianen mit Rührung) „das wäre, die Ueberzeugung mitzunehmen, daß Sie mir einigen Dank dafür wiſſen, daß ich beim bloßen Leſen Ihrer Unterredung mit der Fürſtin von St. Dizier in Ihnen ein Herz gefunden habe, wie man es in unſern Ta⸗ gen bei einem Mädchen Ihres Standes und Alters wohl ſel⸗ ten antrifft.“ 8
„O,“ erwiderte Adriana lächelnd, „Sie dürfen nicht denken, daß Sie mir ſo bald die Lobſprüche zurückgeben müßten, welche ich Ihrer geiſtigen Ueberlegenheit geſpendet habe. Un⸗ dank wäre mir lieber.“
„Ei du mein Gott! Ich ſchmeichle Ihnen ja nicht, wer⸗ thes Fräulein. Wozu ſollte das? Wir werden uns nicht wiederſehen. Nein, ich ſchmeichle Ihnen nicht; ich begreife Sie nur. Und ſo wunderlich es Ihnen auch vorkommen ghr Anblick vervollſtändigt das Bild, welches ich mir von Ihnen, werthes Fräulein, gemacht habe, als ich Ihre Un⸗ terredung mit Ihrer Tante las. Einige mir bis dahin Seiten Ihres Charakters ſind mins jetzt verſtänd⸗ lich.“
„Wahrhaftig, Sie ſetzen mich immer mehr in Erſtaunen.“


