Rodin hielt inne und fuhr dann fort, als ob ſeine Of⸗ fenheit ihn wider Willen fortriſſe: „Ich hatte mich dorthin begeben, um eine ſchlechte, ſchimpfliche, erbärmliche Handlung zu begehen. Ja, ich muß es bekennen.“
„Sie auf Schloß Cardoville? — — um eine ſchlechte Handlung zu begehen?“ fragte Adriana höchſt überraſcht.
„Leider ja, werthes Fräulein,“ antwortete Rodin naiv. „Mit einem Wort: ich hatte von Herrn Abbé Aigrigny den Auftrag, Ihrem ehemaligen Verwalter die Wahl zu ſtellen, entweder fortgeſchickt zu werden, oder ſich zu einer Schlech⸗ tigkeit herzugeben — zu etwas, das ganz wie Spioniren und Verleumden ausſah. Aber der ehrliche Mann hat ſich geweigert.“
„Ei, wer ſind Sie denn?“ fragte Adriana mit wachſendem Erſtaunen.
„Ich bin Rodin, geweſener Secretär des Herrn Abbé Ai⸗ grigny, — ſehr wenig, wie Sie ſehen.“
Der demüthige und unbefangene Ton, in welchem der Je⸗ ſuit dieſe mit einem tiefen Bückling begleiteten Worte aus⸗ ſprach, iſt nicht zu beſchreiben. Adriana prallte bei dieſer Offenbarung zurück. Wie bereits bemerkt worden iſt, hatte Adriana zuweilen von Rodin, dem Secretär des Abbé Ai⸗ grigny ſprechen hören, wie von einer gehorſamen Maſchine. Ferner hatte der Verwalter des Gutes Cardoville, als er von Dſchalma ſchrieb, ſich über ehrloſe Zumuthungen Rodin's beſchwert. Adriana fühlte demnach ein gewiſſes Mißtrauen in ihrer Seele autauchen, als ſie erfuhr, daß ihr Befreier der Menſch war, der eine ſo gehäſſige Rolle geſpielt hatte. Indeß fand dieſe ungünſtige Empfindung ein Gegengewicht in dem, was ſie Rodin verdankte, in der offenen Anklage, welche dieſer vor dem Beamten gegen Aigrigny erhoben, und endlich eben in dem Geſtändniß des Jeſuiten, der durch eine Selbſtanklage dem Vorwurf, welchen man ihm machen konnte, zuvorkam. Immerhin aber konnte Adriana nur mit einer Art kalter Zurückhaltung das Geſpräch fortſetzen, wel⸗ ches ſie mit ſo viel Offenheit und rückhaltloſer Gemüthlich⸗ keit begonnen hatte. .
Rodin bemerkte dieſen Eindruck. Er war darauf gefußt. Er gerieth alſo nicht im Geringſten in Verlegenheit, als


