Teil eines Werkes 
5. Band (1844)
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„Dieſe Frage wird um ſo ernſtlicher erörtert werden, da Sie angeklagt ſind, das Fräulein von Cardoville hier ein⸗ geſperrt zu haben, obwohl ſie bei vollem Verſtand iſt.“

Baleinier zuckte ein wenig die Achſeln und ſagte in ſpöt⸗ tiſchem Ton: „Dürft' ich Sie fragen, zu welchem Zweck, in welcher Abſicht ich eine ſolche Schändlichkeit begangen haben ſollte, angenommen mein Ruf ſtellte mich nicht vor einer

. ſo gehäſſigen und abſurden Anklage ſicher?“ „Sie ſollen gehandelt haben in der Abſicht, ein gegen 1 das Fräulein von Cardoville aus Habgier angezetteltes Fa⸗

miliencomplott zu begünſtigen.“

„Und wer hat es gewagt, eine ſo verleumderiſche Anſchul⸗ digung zu erheben?“ fragte Baleinier im Ton lebhaften 3 Unwillens. „Wer hat die Verwegenheit, einen geachteten, und ich darf wohl ſagen, in jeder Beziehung achtbaren Mann anzuklagen, daß er der Mitſchuldige einer ſolchen Nieder⸗ trächtigkeit geweſen ſey?“

„Ich!“ ſagte Rodin kaltblütig.

„Sie?“ rief Baleinier, zwei Schritt zurückfahrend und wie . vernichtet ſtehen bleibend.

„Ich klage Sie an,“ wiederholte Rodin in kurzem ent⸗

ſchiedenem Ton.

„Ja, dieſer Herr iſt dieſen Morgen mit genügenden Be⸗ weiſen zu mir gekommen, um mein Einſchreiten zu Gunſten es Fräuleins von Cardoville zu begehren,“ ſagte der Beamte,

einen Schritt bei Seite tretend, damit Adriana ihren Für⸗

ſprecher ſehen könnte.

Bis dahin war während dieſes Auftritts der Name Ro⸗ din's nicht genannt worden. Adriana hatte viel Schlimmes von dem Seeretär des Abbé Aigrigny gehört; aber ſie hatte ihn nie geſehen und wußte nicht, daß ihr Befreier eben dieſer Jeſuit ſey. Sie warf auf ihn einen Blick der Neu⸗ gier, der Theilnahme, der Ueberraſchung und der Dankbar⸗ keit. Das Mumiengeſicht Rooin's, ſeine abſtoßende Häß⸗ lichkeit und ſeine ſchmutzige Kleidung würden früher dem Fräulein einen vielleicht unüberwindlichen Abſcheu eingeflößt haben. Seitdem ſie aber inne geworden war, daß die arme,

ſchwächliche, mißgeſtaltete, faſt in Lumpen gehüllte Mayeur trotz ihrem unangenehmen Aeußeren mit einem der edelſten