Teil eines Werkes 
5. Band (1844)
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Herzen begabt war, konnte ſie den Jeſuiten mit günſtigeren Augen anſehen. Sie vergaß, daß er häßlich und ſchmutzig war, über dem Gedanken, daß er alt war, daß er arm zu ſeyn ſchien, und daß er kam, ihr zu helfen

Baleinier konnte ungeachtet ſeiner Liſt, ſeiner kecken Heu⸗ chelei und ſeiner Geiſtesgegenwart nicht ſeine große Beſtür⸗ zung über die Angabe Rodin's verhehlen. Er verlor den Kopf bei dem Gedanken, daß am Tag unmittelbar nach der Einſperrung Adrianens gerade Rodin's erbarmungsloſer Zu⸗ ruf durch den Schalter ihn gehindert hatte, dem Mitleid nachzugeben, welches der verzweifelte Schmerz des unglück⸗ lichen Mädchens in ihm erregt hatte, nachdem er ſie faſt dahin gebracht, an ihrem Verſtand zu zweifeln. Und dieſer unerbittliche Rodin, dieſer mit Leib und Seele an den Pa⸗ ter Aigrigny verkaufte untergeordnete Menſch hatte den Doctor angegeben und einen Richter hergeführt, um die Befreiung Adrianens zu erwirken, nachdem noch Tags zuvor der Pater Aigrigny befohlen hatte, die Strenge gegen ſie zu verdoppeln! Der Kurzrock meinte, Rodin habe ſchänd⸗ licher Weiſe den Pater Aigrigny verrathen, nachdem er ſich von den Freunden des Fräuleins habe beſtechen laſſen. Wü⸗ thend über dieſen entſetzlichen Verrath rief er mit von Zorn erſtickter Stimme: „Sie haben die Verwegenheit, mich an⸗ zuklagen? — Sie, der Sie noch vor wenigen Tagen — —“

Er beſann ſich, daß Rodin der Mitſchuld anklagen, hieße ſich ſelber anklagen, und fuhr fort in Ton des Schmerzes und mit der Miene, als ließe er ſich von einer zu heſtigen Gemüthsbewegung hinreißen: „O, wahrlich, Sie ſind der letzte, den ich einer ſo gehäſſigen Anklage fähig gehalten hätte! Das iſt ſchmählich!“

„Wer konnte beſſer als ich dieſe Schändlichkeit zur An⸗— zeige bringen?“ entgegnete Rodin in ſchneidendem Ton. „War ich nicht in der Lage zu erfahren — leider nur zu ſpät! — welche Ränke gegen das Fräulein von Cardoville und gegen andere Perſonen geſponnen wurden? Und als ich es erfahren hatte, welche Pflicht hatte ich da als ehrlicher Mann? Ich mußte dem Herrn Unterſuchungsrichter die An⸗ zeige machen, die Anzeige beweiſen und ihn hieher beglei ten. Das habe ich gethan.“