Teil eines Werkes 
4. Band (1844)
Einzelbild herunterladen

— 268

ziges Weib ſuchte ſie ſich an Alles anzuhängen, was Einfluß hatte, und liebte ſolche Gegenſätze. Sie fand es mit Recht merkwürdig und der Beobachtung werth, wie dieſer faſt in Lumpen gekleidete, ſchwächliche, gemein häßliche Menſch, der vor wenigen Augenblicken noch der demüthigſte Untergebene geweſen, mit ſeinem Verſtand den Pater Aigrigny überragte, der von Geburt ein großer Herr, als ſolcher durch Feinheit der Manieren ausgezeichnet und bis jetzt in ſeiner Geſellſchaft ſo angeſehen war. Von dieſem Augenblick an war in den Augen der Fürſtin nicht mehr der Marquis, ſondern Rodin die wichtige Perſon.

Nachdem die erſte Empfindung der Demüthigung vorüber war,

wandte der Marquis, obwohl mit blutendem Herzen, all ſeine

feine Lebensart als Mann der guten Geſellſchaft an, eine verdoppelte Höflichkeit gegen den ſo plötzlich über ihn empor⸗ geſtiegenen Rodin zu beweiſen. Der Ex⸗Socius, unfähig ſolche Feinheit zu würdigen oder anzuerkennen, nahm mit ge⸗ bieteriſcher Derbheit ſeine neue Stellung ein, nicht aus Rach⸗ ſucht über erlittene Demüthigungen, ſondern im Bewußtſein ſeines Werthes, nachdem ihm ein langer Umgang mit Aigrigny offenbart hatte, wie weit dieſer unter ihm ſtand. In tiefter Ehrerbietung ſagte der Marquis: „Sie haben die Feder weg⸗ geworfen; als ich Ihnen die Benachrichtigung nach Rom die⸗ tirte. Wollten Sie die Gnade haben, mich zu belehren, worin — ich gefehlt habe?“

„Das ſollen Sie hören!“erwiederte Rodin mit ſeiner Krähen⸗ ſtimme. „Lange genug habe ich geſchwiegen, obwohl ich ſah, daß dieſe Unternehmung über Ihre Kräfte hinausging. Welche Fehler ſind dabei begangen worden! Welche Armſeligkeit der Erfindung, welche Plumpheit in den von Ihnen angewandten Mitteln hat ſich da gezeigt!“

„Ich begreife kaum — — Ihre Vorwürfe,“ antwortete Aigrigny in ſanftem Ton, wiewohl in ſeiner äußerlichen Un⸗ terwürfigkeit ein geheimer Unmuth ſich nicht verleugnete. „War der Erfolg nicht geſichert ohne jenes Codicill? Haben Sie nicht ſelber mitgewirkt — — bei dieſen Maßregeln, welche Sie jetzt tadeln?“

„Sie hatten zu befehlen, und ich hatte zu gehorchen. Und un ſtanden Sie auf dem Punkt die Sache gelingen zu ſehen,