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Bei ihrem Anblick ſtieß Gabriel einen Schrei aus und ſtand, wie vom Donner gerührt, da. Samuel und Bathſeba fielen auf die Kniee und falteten die Hände. Sie fühlten ſich, ohne zu wiſſen warum, von neuer Hoffnung belebt. Alle übrigen Anweſenden waren von Entſetzen ergriffen. Sogar Rodin wich zwei Schritt zurück und ſtellte mit zitternder Hand das Käſtchen wieder auf den Tiſch.
Daß eine Frau auf der Schwelle einer Thür ſichtbar iſt, welche ſie geöffnet hat, iſt an und für ſich etwas ganz ge⸗ wöhnlſches. Aber dieſe Frau ſchien das lebende Original des ſeit 150 Jahren in dem rothen Saal hängenden Bildes zu ſeyn. Es war derſelbe Kopfputz, daſſelbe Kleid mit den et⸗ was ſchleppenden Falten, daſſelbe Geſicht mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes und vollſtändiger Ergebung Langſam und als ob ſie den tiefen Eindruck, welchen ihr Erſcheinen machte, nicht bemerkte, näherte ſie ſich einem der mit Zinn und Kupfer eingelegten Schränke, drückte auf eine unter einer vergoldeten Leiſte verborgenen Feder und öffnete die obere Schublade des Schranks. Aus dieſer Schublade nahm ſie ein verſiegeltes Pergament, ging damit an den Tiſch und legte es vor den Notar hin, welcher ſtumm und unbeweglich geblieben war, und es gedankenlos in die Hände nahm. Dann warf ſie Gabrieln, welcher durch ihre Gegenwart be⸗ zaubert zu 4 ſchien, einen langen, ſchwermüthigen Blick zu, und nahm ihren Weg nach der auf die Hausflur führen⸗ den, offenen Thür. Als ſie an Samuel und Bathſeba vor⸗ über kam, blieb ſie ſtehen, beugte ſich ein wenig zu den knien⸗ den, alten Leuten herab, reichte ihnen ihre Hände zum Kuß und verſchwand eben ſo langſam, wie ſie erſchienen mit einen letzten Blick auf Gabriel werfend. S
Die Entfernung dieſer Frau ſchien den Zauber zu töſen, unter welchem alle Anweſenden einige Minuten lang gelegen hatten. Gabriel brach zuerſt das Schweigen, indem er mit bebender Stimme murmelte: „Sie iſt's! Sie iſt's! In die⸗ ſem Haus!“
„Wer denn?“ fragte Agricola, beunruhigt über die Bläße und das faſt irre Ausſehen ſeines Pflegbruders. Ohne die Aehnlichkeit der Frau mit dem Bilde neben dem Kamin be⸗ merkt zu haben, theilte er, nicht wiſſend, warum, das allge⸗


