alſo unmittelbar vor dem verhängnißvollen Tag, an welchem die Glieder der Familie Rennepont, die letzten Abkömmlinge der Schweſter des Ewigen Juden in der Sanct Franciscus⸗ ſtraße verſammelt ſeyn ſollten.
Die Mutter Sancta Perpetua ſaß vor einem großen Cylin⸗ derſchreibtiſch in der Mitte eines ſehr einfach, aber ſehr bequem ausgeſtatteten Zimmers. Den Boden bedeckte ein weicher Tep⸗ pich. Im Marmorkamin brannte ein hübſches Feuer. Die Oberin, welcher jeden Tag ſowohl die an die Schweſtern, wie die an die Penſionäre gerichteten Briefe überliefert wur⸗ den, hatte ſo eben beiderlei Briefe geöffnet, erſtere nach ihrem anerkannten Recht, letztere, auf unmerkliche Weiſe nach einem
Recht, das ſie ſich beilegte, ohne daß die Pfleglinge es wuß⸗ ten — in beiden Fällen aber nur um des Heiles dieſer lieben Kinder willen und nebenbei auch um dem Verlauf ihrer Cor⸗ reſpondenz nicht fremd zu werden. Die Oberin legte ſich auch die Pflicht auf, von allen Briefen, die aus dem Kloſter ge⸗ ſchrieben wurden, Kenntniß zu nehmen, bevor dieſelben auf die Poſt gegeben wurden. Die Spuren dieſer frommen unſchul⸗ digen Spürerei verſchwanden ſehr leicht, da die heilige gute Mutter ein ganzes Zeughaus allerliebſter kleiner ſtählerner Werkzeuge beſaß. Einige, die ſehr ſcharf waren, dienten dazu, unmerklich das Papier rings um das Siegel her durchzuſchnei⸗ den. War der Brief geleſen und wieder in den Umſchlag ge⸗ legt, ſo ward ein rundes Inſtrumentlein genommen, leicht erwärmt und über den Rand des Siegellacks gedrückt, ſo daß dies, ein wenig ſchmelzend und ſich ausbreitend, den Schnitt verdeckte. Der Gerechtigkeit und Gleichheit zu Liebe, befand ſich in dem Arſenal der guten Mutter auch eine kleine ſinn⸗ reiche Vorrichtung, um den einfachen Verſchluß mit Oblaten durch warme Dämpfe ſo zu erweichen, daß derſelbe leicht und
ohne den geringſten Riß aufging. Je nach der Wichtigkeit der
Unbeſonnenheiten, welche ſie ſo die Briefſteller begehen ließ, machte ſich die Oberin mehr oder minder ausführliche Be⸗ merkungen. .
In ihrem intereſſanten Geſchäft ward Mutter Perpetua durch
zweimaliges leiſes Anklopfen an der verriegelten Thür unter⸗
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brochen. Sofort ließ ſie den großen Cylinder über ihr Arſenal
herunter, ſtand auf und öffnete mit ernſter, feierlicher Miene


