„Das iſt kein Hinderniß,“ antwortete Florine. „Man wird Ihnen Mittel geben, ſich anſtändig zu kleiden.“
Die Mayeux betrachtete das Kammermädchen mit ſteigender Verwunderung. Dieſe Anerbietungen übertrafen ſo weit alle ihre Hoffnungen und den gewöhnlichen Verdienſt der Handar⸗ beiterinnen, daß ſie dieſelben kaum glauben konnte. „Aber fragte ſie zögernd, „warum ſollte man ſo großmüthig gegen mich ſeyn? Wie könnte ich mich eines ſo hohen Lohnes wür⸗ dig machen?“
Florine erbebte. Eine Regung der Gutherzigkeit, der Wunſch, dem Mädchen, deſſen Sanftmuth und Ergebung ihr große Theilnahme einflößten, nützlich zu ſeyn, hatten ſie zu einem unüberlegten Vorſchlag verleitet. Sie wußte, um welchen Preis die Mayeux die angebotenen Vortheile erlangen konnte, und nun fragte ſie ſich nachträglich, ob dieſelbe je auf eine ſolche Bedingung eingehen würde. Aber ſie war ſchon zu weit gegangen und konnte es nicht über ſich gewinnen, der Nätherin Alles zu ſagen. Sie beſchloß, die Zukunft der Ge⸗ wiſſenhaftigkeit der armen Perſon zu überlaſſen; und da Ge⸗ fallene nicht leicht an die Unſträflichkeit Anderer glauben, mochte ſie ſich ſagen, daß die Mayeux in ihrer verzweifelten Lage vielleicht weniger Zartgefühl haben würde, als ſie ihr zuſchrieb. Sie antwortete alſo: „Ich begreife, daß Anerbie⸗ tungen, die ſo weit über Ihren gewöhnlichen Verdienſt hin⸗ ausgehen, Ihr Erſtaunen erregen. Ich muß Ihnen alſo ſa⸗ gen, daß ich eine fromme Anſtalt im Auge habe, deren Zweck iſt, würdigen und bedürftigen Frauensperſonen Arbeit und Beſchäftigung zu verſchaffen. Dieſe Anſtalt, welche das Werk von Sancta Maria heißt, befaßt ſich damit, Taglöhnerinnen und Mägden Plätze auszumachen. Das Werk wird von ſo mildthätigen Perſonen geleitet, daß die in Schutz genommenen Arbeiterinnen ſelbſt eine Art Ausſtattung erhalten, wenn ſie nicht anſtändig genug gekleidet ſind, um zur Verrichtung ihrer Dienſte ausgehen zu können.“
Dieſe ganz uverfüngliche Erfärung ver⸗ glänzenden Anerbietungen Florinens mußte der Mayeux genügen. E war eben ein Werk der Wohlthätigkeit. „Sonach begreife ich den hohen Lohn, von dem Sie mir ſprechen,“ erwiederte ſie.


