Durch ihr ſchuldbeladenes, früheres Leben war dies Mäd⸗ chen in Abhängigkeit von Rodin und vom Abbé von Aigrigny gekommen und hatte dieſen bisher als Spionin bei Adriana gedient, ungeachtet der Beweiſe von Vertrauen und Güte, mit welcher das Fräulein ſie überhäufte. Florine war nicht völlig verdorben. Oft empfand ſie ſchmerzliche, aber vergeb⸗ liche Gewiſſensbiſſe bei dem Gedanken an das ehrloſe Hand⸗ werk, welches man ſie genöthigt hatte, bei ihrer Gebieterin zu treiben.
Florine erkannte die Mayeux wieder, als die Perſon, wel⸗ cher ſie Tags zuvor die Verhaftung Agricvla's und den plötz⸗ lichen Wahnſinn des Fräuleins von Cardoville verkündet hatte. Bei ihrem Anblick wich ſie einen Schritt zurück, ſo groß war das Mitleid, welches die Miene der Nätherin ihr einflößte. Denn die Ankündigung eines gezwungenen Feierns unter Um⸗ ſtänden, welche ohnedies ſchon ſo peinlich waren, mußte ein furchtbarer Schlag für die Arme ſeyn. Die Spuren friſcher Thränen waren auf ihren Wangen ſichtbar, und ihre Züge drückten, ohne daß ſie es wußte, völlige Troſtloſigkeit aus. Sie ſchien ſo erſchöpft, ſo ſchwach, ſo niedergeſchlagen, daß Florine ſchnell wieder zu ihr trat, ihr den Arm reichte und freundlich zu ihr ſagte: „Treten Sie ein. Ruhen Sie einen
Angenblick aus, denn Sie ſind ſehr blaß, und ſcheinen ſehr
leidend und ermüdet zu ſeyn.“ Mit dieſen Worten führte ſie die Mayeux in ein kleines mit Teppichen belegtes Vorge⸗ mach, und ließ ſie in einem geſtickten Lehnſtuhl beim Kamin⸗ feuer Platz nehmen. Sie war jetzt die einzige Hüterin des Pavillons, denn Georgette und Hebe waren verabſchiedet.
Nachdem die Mayeur Platz genvmmen, ſagte Florine theil⸗ nehmend: „Wollen Sie nicht etwas zu ſich nehmen? Warmes Waſſer mit Zucker und Orangenblüthe?“
„Ich danke Ihnen,“ erwiederte die Maheux gerührt. Der geringſte Beweis von Wohlwollen erfüllte ſie mit Dank, und es war eine angenehme Ueberraſchung für ſie, zu finden, daß ihre ärmliche Kleidung für Florine kein Anlaß war, ſie zu verachten oder ſich von ihr fern zu halten. „Ich bedarf nur ein wenig Ruhe,“ fuhr ſie fort, „denn ich komme ſehr weit her; und wenn Sie es erlauben — —“
„Ruhen Sie aus, ſo lange Sie wollen,“ ſagte Florine.
„ †


