Das Geſicht der Königin Bacchanal war weniger heiter, verrieth aber viel größere Erregung als gewöhnlich. Ihre rothen Wangen, ihre blitzenden Augen verkündeten eine fieberhafte Gereiztheit. Sie wollte ſich um jeden Preis betäuben. Ihre Unterredung mit ihrer Schweſter fiel ihr zuweilen ein, und ſie bemühte ſich, von vieſen traurigen Erinnerungen loszukommen. Jakob betrachtete Cephiſen von Zeit zu Zeit mit leidenſchaft⸗ licher Zuneigung. Die Gleichförmigkeit ihrer Sinnesart hatte ihre Verbindung viel feſter wurzeln laſſen, als ſolche auf Sinnenluſt gegründete Liebſchaften gewöhnlich ſind⸗ Beide wußten nicht, wie ſtark ihre bis dahin nur von Luſt und Freuden umgebene, und noch durch keinen Unfall geſtörte Liebe war.
Die kleine Roſe Pompon, ſeit einigen Tagen Wittwe eines Studenten, der zum Zweck der würdigen Beendigung ſeines Carnevals in ſeine Provinz zurückgereiſ't war, um, unter einem der bei den Zöglingen der Rechts⸗ und der Arzneiſchule wohlbekannten fabelhaften Vorwande, ſeiner Familie etwelches Geld abzulocken, — Roſe Pompon hatte, ein ſeltnes Muſter von Treue, um ſich keine Blöße zu geben, den unverdächtigen Nini Moulin zum Begleiter gewählt. Dieſer hatte ſeinen
Helm abgelegt und ließ einen Kahlkopf ſehen, welcher mit
einem Kranz ſchwarzer, krauſer, ziemlich lang über den Nacken hinabfallender Haare umgeben war. Er zeigte das merkwür⸗ dige bacchiſche Phänomen, daß mit zunehmender Trunkenheit eine Art Gürtel, von derſelben Purpurfarbe wie ſein aufge⸗ dunſenes Antlitz, ſich auf ſeiner Stirn bildete und, allmählig wachſend, das glänzende Weiß ſeines Schädels verdrängte.
Roſe Pompon, welche die Bedeutung dieſes Symptoms kannte,
machte die Geſellſchaft darauf aufmerkſam, indem ſie, laut auf⸗ lachend, rief: „Nini Moulin, nimm Dich in Acht! Die Wei⸗ nesfluth ſteigt teufelmäßig!“ 8
„Wenn ſie ihm über den Kopf geht, iſt er erſoffen,“ fügte Cephiſe hinzu.
„O, Königin, ſtört mich nicht; ich denke nach,“ erwiederte Dumoulin. Er hielt ſtatt einer antiken Trinkſchale eine mit Wein gefüllte Punſchbowl in der Hand, denn er verſchmähte die gewöhnlichen Trinkgläſer, die er verachtungsvoll Schluk⸗ ker nannte.


