in einer eiſigen Dachkammer vergehen, daß Du auf einen Stuhl gefeſſelt, in Lumpen gehüllt, die Sonne nicht ſehen und
ohne Aufhören und ohne Hoffnung arbeiten ſollteſt. Nein!
Gott hat uns noch andere Bedürfniſſe gegeben, als zu eſſen und zu trinken. Selbſt in unſerem niederen Stand begehrt die Schönheit einigen Putz. Die Jugend bedarf Bewegung, Vergnügen und Heiterkeit. Und jedes Alter bedarf der Zer⸗ ſtreuung und der Ruhe. Hätteſt Du ſo viel verdient, als hinreichte, um Dich ſatt eſſen, um Dich einen oder zwei Tage in der Woche vergnügen zu können nach einer täglichen Ar⸗ beit von vierzehn bis fünfzehn Stunden, um Dir die beſchei⸗ dene Kleidung anzuſchaffen, welche zu Deinem Geſichte paßt, ſo würdeſt Du gewiß nichts weiter begehrt haben. Du haſt es mir hundertmal geſagt. Einem unwiderſtehlichen Drang biſt Du gefolgt, weil Deine Bedürfniſſe größer ſind, als die meinigen.“
„Es iſt wahr,“ ſagte die Königin Bacchaual mit nachdenk⸗
licher Miene. „Wenn ich nur vierzig Sous täglich zu ver⸗
dienen gewußt hätte, ſo würde mein Leben ein ganz anderes geweſen ſeyn. Denn ſieh, im Anfang war es äußerſt demü⸗ thigend für mich, auf Koſten Anderer zu leben.“
„Eben darum, ſag' ich, Du biſt unwiderſtehlich fortgeriſſen wordeu, gute Cephiſe. Wäre das nicht, ſo würd' ich DBich tadeln, anſtatt Dich zu beklagen. Du haſt Dein Schickſal nicht gewählt, Du haſt es über Dich ergehen laſſen, wie ich das meinige über mich.“
„Arme Schweſter!“ ſagte Cephiſe, die Mayeux liebevoll umarmend. Du biſt ſo unglücklich und ermuthigſt und tröſteſt
mich noch. An mir wäre es, Dich zu beklagen.“
„Beruhige Dich,“ erwiederte die Mayeux. „Gott iſt gut und gerecht. Wenn er mir viele Vorzüge verſagt hat, ſo hat er mir meine Frenden geſchenkt, wie Dir die Deinigen.
„Deine Freuden?“
„Allerdings, und zwar große Freuden. Ohne ſie wäre mir das Leben eine zu große Laſt.“
„Ich verſtehe Dich,“ ſagte Cephiſe. „Du kannſt Dich für
Andere aufopfern, und das verſüßt Deine Leiden.“
„Wenigſtens thu' ich, was ich kann, obwohl ich nur wenig vermag. Aber wenn es mir gelingt,“ fügte ſie ſanft lächelnd


