Märtyrin des Fleißes und der Mutterliebe glaubte immer zu
ſündigen. Ihr Gewiſſen war ſtets gequält von der Furcht, Gott weiß, welche unbegreifliche kleine Sünden begangen zu haben. Sie, die mit Seelenruhe auf ein Leben der Aufopfe⸗ rung hätte zurückblicken ſollen, ſchwebte in ſteter Angſt um
ihre Seligkeit.
„Ehrwürdiger Vater,“ ſagte ſie, „ich klage mich an, vor⸗ geſtern mein Abendgebet nicht verrichtet zu haben. Mein Mann, den ich ſeit vielen Jahren nicht geſehen hatte, war angekommen. Die Verwirrung, die Ueberraſchung, die Freude über ſeine Rückkehr haben mich dieſe große Sünde begehen laſſen.“
„Weiter!“ ertönte die Stimme des Prieſters in einem ſtren⸗ gen Ton, der die Alte beunruhigte.
„Ehrwürdiger Vater, ich klage mich an, geſtern Abend in dieſelbe Sünde verfallen zu ſeyn. Ich war in tödtlicher Un⸗ ruhe. Mein Sohn kam nicht nach Hauſe. Ich erwartete ihn von Minute zu Minute. Ueber dieſer Unruhe iſt die Gebet⸗ ſtunde vergangen.“
„Weiter!“
„Ehrwürdiger Vater, ich klage mich an, dieſe ganze Woche meinen Sohn belogen zu haben, indem ich ihm ſagte, ich hätte ſeinen Vorwürfen über die Schwäche meiner Geſundheit nach⸗ gegeben und ein wenig Wein beim Eſſen getrunken. Ich habe vorgezogen, ihn den Wein trinken zu laſſen. Er bedarf ihn mehr als ich, denn er arbeitet ſo hart.“
„Weiter!“
„Ehrwürdiger Vater, ich klage mich an, dieſen Morgen es einen Augenblick an Ergebung in den Willen Gottes haben fehlen zu laſſen, als ich hörte, daß mein armer Sohn ver⸗ haftet ſey. Anſtatt mit Dank die neue Prüfung anzuneh⸗ men, die der Herr über mich verhängte, habe ich mich in meinem Schmerz empört, und deſſen klag' ich mich an.“
„Eine ſchlechte Woche!“ ließ die Stimme in immer ſtren⸗ gerem Ton ſich vernehmen. „Eine ſchlechte Woche! Immer haben Sie das Geſchöpf dem Schöpfer vorgezogen. Nun weiter!“
„Ach, ehrwürdiger Vater!“ ſagte die alte Frau niederge⸗ ſchlagen, „ich weiß, ich bin eine große Sünderin. Ich fürchte, auf dem Weg noch ſchwererer Sünden zu ſeyn.“
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