zulegen, der Sie mich unterwerfen wollen, darum, weil ich bisher anſtändig, frei und großartig gelebt habe vor aller Welt Augen.“
„Dieſer Gedanke iſt widerſinnig!“ rief die Fürſtin. „So leben wollen, das heißt das Vergeſſen aller Moral, aller Scham auf's Aeußerſte treiben.“
„Ei, ſagen Sie doch Frau Fürſtin, was halten Sie denn von ſo vielen armen Mädchen, die, verwaiſ't wie ich, allein und frei leben? Dieſe Mädchen haben nicht, wie ich, eine feine Erziehung genoſſen, die das Herz erhebt und die Seele rei⸗ nigt. Sie beſitzen nicht, wie ich, Reichthum, der vor allen Verſuchungen des Elends bewahrt. Und doch leben ſie ehren⸗ haft und ſtolz in ihrer Armuth.“
„Tugend und Laſter iſt für dies Hundepack nicht vorhan⸗ den!“ rief der Herr Baron, welcher ſich die Freiheit nahm, im Saale der Fürſtin zu ſprechen, wie in der Kuliſſe der Börſe.
„Frau Fürſtin,“ ſagte Adriana, „Sie würden einen La⸗ kaien fortjagen, welcher ſich erfrechte, ſo vor Ihnen zu ſpre⸗ chen. Und mich nöthigen Sie, ſo etwas zu hören?“
Der Marquis ſtieß den Baron mit dem Knie an und ſuchte die Plumpheit des Geldmannes wieder gut zu machen durch die Bemerkung: „Fräulein, zwiſchen ſolchen Leuten und einer jungen Perſon von Ihrem Stand iſt ein großer Unterſchied.“
„Im Munde eines Geiſtlichen klingt dieſe Unterſcheidung nicht ſehr chriſtlich,“ verſetzte Adriana.
„Ich weiß, was meine Worte ſagen wollen,“ entgegnete der Abbé. „Uebrigens könnte das ungebundene Leben, wel⸗ ches Sie aller Vernunft zuwider führen wollen, die nachthei⸗ ligſten Folgen haben. Denn Ihre Familie kann Sie eines Tags verheirathen wollen, und — —“
„Herr Abbé,“ unterbrach Adriana, „ich werde meiner Fa⸗ milie dieſe Sorge erſparen. Ich werde mich ſelbſt verheira⸗ then. Das iſt wohl nicht aller Vernunft zuwider. Uebrigens, aufrichtig geſprochen, verſpüre ich wenig Luſt nach der Kette, welche Selbſtſucht und Fählloſigkeit uns auf ewig an den Hals ſchmieden.“ „Fräulein, es iſt unſchicklich, ſich in ſolchem Ton über die
Ehe zu äußern,“ bemerkte die Fürſtin.


