————— ——————————
6
„Sie werden jetzt viel dort verändert finden,“ fuhr Balei⸗ nier fort. „Die Mauer, welche das Kloſter von meinem Kranken⸗ haus trennt, iſt abgebrochen, denn es ſoll dort ein neuer Bau auf⸗ geführt werden und eine Kapelle, weil die alte zu klein war. Uebrigens muß ich zum Lob Adriana's ſagen,“ fügte der Doctor mit einem ſonderbaren Halblächeln hinzu, „daß ſie mir für dieſe Kapelle eine Copie der Jungfrau von Rafael verſprochen hat.“
„Wirklich? Das iſt nicht übel,“ ſagte die Fürſtin. „Aber es iſt bald Mittag, und Herr Tripeaud kommt nicht.“
„Er iſt Beivormund des Fräuleins von Cardoville, deren Güter er als ehemaliger Geſchäftsführer des Herzogs ver⸗ waltet hat,“ ſagte der Marquis, den ernſte Gedanken zu be⸗ ſchäftigen ſchienen. „Seine Gegenwart iſt uns ſchlechterdings unentbehrlich. Es wäre ſehr zu wünſchen, daß er hier wäre, ehe Fräulein von Cardoville kommt, die jeden Augenblick er⸗ ſcheinen kann.“
„Schade, daß ſein Porträt ihn hier nicht erſetzen kann,“ bemerkte boshaft lächelnd der Doctor und zog aus ſeiner Taſche eine Flugſchrift.
„Was iſt das, Doctor?“ fragte die Fürſtin.
„Es iſt eins der anonymen Pamphlete, die von Zeit zu Zeit erſcheinen. Es führt den Titel: die Geißel, und das Bild des Baron Tripeaud iſt darin mit ſolcher Treue ent⸗ worfen, daß es keine Satire mehr iſt, ſondern die reine Wirklichkeit. Hören Sie zu. Die Skizze iſt betitelt: Typus des Luchſes. (Loup-Cervier, auch: Börſenſpeculant.)
„Herr Baron Tripeaud. — Dieſer Menſch, welcher ſich ſo niederträchtig kriechend gegen gewiſſe geſellſchaftliche Hoheiten erweiſ't, wie unverſchämt grob gegen ſeine Unter⸗ gebenen, iſt die leibhaftige, ſchreckliche Incarnation des ſchlech⸗ ten Theils der bürgerlichen und induſtriellen Ariſtokratie, des Geldmenſchen, des ſcham⸗, herz⸗ und treuloſen Spe⸗ eulanten, der auf den Tod ſeiner Mutter à la hausse und à la baisse ſpeculiren würde, wenn der Tod ſeiner Mutter
Einfluß auf den Cours der Rente haben könnte. Dieſe Menſchen haben alle gehätſigen Laſter der Freige⸗ laſſenen, nicht derjenigen, welche ehrliche, anhaltende A auf würdige Weiſe bereichert hat, ſondern jener, welche plötz⸗


