Frau Grivois, indem ſie der Fürſtin das Papier überreichte.
jedoch nicht inſoweit, daß ſie ſich nicht noch vortheilhaft in ihrem ſchwarzen, am Hals hoch heraufgehenden Kleide ausge⸗ nommen hätte. Ihre einfache, mit grauen Bändern beſetzte Haube ließ glatte Haare in dicken Lagen ſehen. Beim erſten Anblick machte ihre würdevolle und anſpruchloſe Miese einen ſtarken Eindruck. Man ſuchte vergebens auf dieſem Geſicht voll Ruhe und Zerknirſchung die Spur der Stürme ihres früheren Lebens. Wenn man ſie ſo natürlich ernſt und zurück⸗ haltend ſah, konnte man ſich nicht mit dem Gedanken befreun⸗ den, daß ſie die Heldin ſo vieler Ränke und galanken Aben⸗ teuer geweſen ſey. Hörte ſie zufällig ein im geringſten leicht⸗ ſinniges Wort, ſo drückte das Geſicht dieſer Frau, welche ſich jetzt für nichts geringeres als eine Mutter der Kirche hielt, augenblicklich eine aufrichtige ſchmerzliche Ueberraſchung aus, und dieſer Ausdruck verwandelte ſich alsbald in den beleidig⸗ ten Schamgefühls und verachtenden Mitleids. Erforderlichen Falls jedoch war das Lächeln der Fürſtin immer noch voll Anmuth und ſogar voll unwiderſtehlich verführeriſcher Gut⸗ müthigkeit. Ihr großes, blaues Auge konnte gelegentlich noch liebevoll und einſchmeichelnd werden. Aber wenn man es wagte, ihren Hochmuth zu verletzen, ihrem Willen in den Weg zu treten oder ihren Intereſſen zu ſchaden, und wenn ſie ohne Gefahr ihren Unwillen offenbaren konnte, dann zeigte ihr in der Regel ſo ruhiges, ernſthaftes Geſicht eine kalte unverföhnliche Bosheit. Frau Grivvis trat in das Gemach der Fürſtin mit dem Bericht in der Hand, welchen Florine ihr erſtattet hatte über das Thun und Treiben Adriana's von Cardoville an dieſem Morgen. Dieſe Kammerfrau war ſeit zwanzig Jahren im Dienſte der Fürſtin von St. Dizier. Sie wußte Alles, was eine vertraute Kammerfrau über ihre Gebieterin wiſſen kann und muß, wenn dieſe ſehr perbuhlt geweſen iſt. War 4 es mit Willen geſchehen, daß die Fürſtin dieſe wohlunterrich⸗ tete Zeugin ihrer vielfachen jugendlichen Verirrungen behalten hatte? Das wußte Niemand zu ſagen. Augenſcheinlich aber genoß Frau Grivois bei der Fürſtin große Vorrechte, und ſie ward mehr als Geſellſchaftsdame, wie als Kammerfrau angeſehen. „Hier, Madame, ſind die Bemerkungen Florinens“, ſagte


