— 136 — es mir ſchwer halten, Euch begreiflich zu machen, was ich ſel⸗ ber nicht begreife.“
„Wie ſo?“ fragte Agricvla verwundert.
„Ohne Zweifel,“ antwortete Gabriel erröthend, bin ich von meinen Sinnen betrogen worden. In dem Augenblick, wo ich den Tod mit Ergebung erwartete, mag mein geſchwächter Geiſt durch einen Schein getäuſcht worden ſeyn. Was mir unbegreif⸗ lich war und geblieben iſt, hätte mir doch ſpäter offenbart werden müſſen. Ich hätte doch erfahren müſſen, wer dies ſonderbare Weib war.“
„Von welchem Weib ſprichſt Du denn?“ fragte Agricola.
„Von meiner Retterin.“
„Alſo ein Weib hat Dich aus den Händen der Wilden gerettet?“ fragte Dagobert erſtaunt. Es fiel ihm ſeine eigne unerwartete Befreiung aus dem Leipziger Gefängniß ein, für welche auch er vergebens nach einer Erklärung fuchte.
„Ja,“ antwortete Gabriel in ſeine Gedanken verſunken. „Ein junges, ſchönes Weib.“
„Und wer war ſie 2“ fragte Agricvla.
„Das weiß ich nicht,“ antwortete Gabriel. „Als ich ſie darum fragte, antwortete ſie: Ich bin die Sch weſter der Betrübten.“ E
„Woher kam ſie? wohin ging ſie?“ fragte Dagobert geſpannt.
„Auf dieſe Frage hat ſie mir geantwortet: Ich gehe hin, wo man leidet. — Und darauf hat ſie ihren Weg nach Norden fortgeſetzt in die öden Länder, wo der Schnee ewig iſt und die Nächte endlos ſind.“
„Wie, in Sibirien!“ bemerkte Dagobert nachdenkend.
„Aber,“ fragte Agricola, „wie iſt denn jenes Weib Dir zu Hülfe gekommen?“
Gabriel wollte eben antworten, als ein leiſes Anklopfen die Beſorgniſſe erneuerte, welche Agricola ſeit der Ankunft ſeines Adoptivbruders vergeſſen hatte. Eine ſanfte Stimme ſprach vor der Thür: „Agricola, ich möchte den Augenblick mit Dir ſprechen.“ S
Agricvla öffnete die Thür. Die Mayeur trat nicht ein, ſondern ging mehr zurück in den dunkeln Gang und flüſterte: „Schon ſeit einer Stunde iſt es Tag, und Du biſt immer da! Ich habe unten Schildwacht geſtanden und bis jetzt in


