Einen Augenblick herrſchte tiefes Schweigen. Dagobert, der wußte, was Muth heißt, betrachtete den Pflegſohn ſeiner Frau mit achtungsvoller Bewunderung. Gabriel, fern vom leeren Schein der Beſcheidenheit, ahnte nicht die Gefühle, welche er erweckt hatte und fragte den alten Soldaten: „Was iſt Ihnen denn?“
„Was mir iſt?“ erwiederte der Alte. „Es iſt mir, als hätt' ich meinen Meiſter gefunden. Nach dreißig Kriegsjahren glaubte ich, ziemlich eben ſo tapfer zu ſeyn, wie irgend ein Menſch in der Welt, und in Dir find' ich meinen Meiſter.“
„In mir? Was hab' ich denn gethan?“
„Gotts ſchwere Noth! Dieſe Wunden da ſind doch eben ſo rühmlich — rühmlicher noch, als die Wunden, welche wir Fechter von Profeſſion aufzuweiſen haben!“ Und der alte Krieger ergriff begeiſtert die Hände des Prieſters.
„Ja, mein Vater hat Recht,“ ſagte Agricola. „So mag ich die Prieſter leiden, ſo verehr' ich ſie.“
„Ich bitte Euch, preiſ't mich nicht ſo,“ ſagte Gabriel ver⸗ egen.
„Warum nicht?“ erwiederte Dagobert. „Wenn ich in's Feuer ging, war ich da allein? Sah mich mein Rittmeiſter nicht? Waren meine Kameraden nicht da? Schon die Eitel⸗ keit mußte mich treiben, zu geſchweigen den Kriegsruf, den Pulvergeruch, das Trompetengeſchmetter, das Kanonendonnern, das Feuer meines Pferdes, welches mir zwiſchen den Beinen dahin ſauſ'te — und zu geſchweigen, daß ich den Kaiſer nicht weit wußte, der mir für meine durchlöcherte Haut ein Stück Borte oder Band als Pflaſter geben würde. Und Du gehſt allein und unbewaffnet hin und bieteſt Feinden die Stirn, welche hundertmal grimmiger ſind, als die, welchen wir Schwa⸗ dronweiſe mit Pallaſchhieben und unter Begleitung von Kar⸗ tätſchen und Granaten zu Leib gingen.“
„Wie ſchön iſt es von dem Vater, daß er Dir dieſe Ge⸗ rechtigkeit widerfahren läßt!“ ſagte Agricola.
„Bruder,“ erwiederte Gabriel, „ſeine Güte überſchätzt, was ſo natürlich iſt.“ 8
„Natürlich?“ ſagte der Soldat. „Freilich, für Burſchen von Deinem Sthlag! Aber dieſer Schlag iſt nicht häufig.“
„Das will ich meinen,“ ſagte der Schmied. „Du gehſt


