Druckschrift 
Johanne und Louise oder Die Familien der Deportirten / von Eugène Sue ; Deutsch von Julius Werner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

141

Ehre, den erſten Gedanken zu unſerer Rettung gehabt zu haben.

Und nun, mein Freund, trockne Deine Thränen und lies dieſen Brief weiter; Dein Herz wird entzückt ſein, wenn Du ihn lieſeſt, wie es das meinige iſt, da ich ihn ſchreibe.

Vorgeſtern Abends hatten wir, die Kinder und ich, nachdem wir etwas Brod und kalte Milch zum Mittags⸗ mahl genommen, — denn wir feuern ſeit langer Zeit nicht mehr, weil uns das Holz fehlt, — uns mit Son⸗ nenuntergang zu Bette gelegt, um das Licht zu ſparen.

Julchen und Albert täuſchten ſich nicht über unſere Lage; ſie wußten, daß ſie verzweifelt war und ſie ſahen ſo gut als ich, daß das Elend ſich mit großen Schritten näherte; aber ich ſchwöre es Dir bei meiner Liebe zu Dir und unſern Kindern, daß niemals, mein Edmund, o! niemals die geringſte Klage über ihre Lippen kam. Die letzten, heiligen Worte unſerer Mutter waren unſer Evangelium; ja, bis ans Ende haben wir Dich in Deinen Leiden verherrlicht, armer, edler Märtyrer der Pflicht! Ja, auch wir waren ſtolz, für die geheiligte Sache des Gerechten und Guten zu leiden.

Vorgeſtern Abend hatten wir uns alſo beim An⸗ bruch der Nacht ſchlafen gelegt; da ſagte Albert, der ſeit wenigen Aügenblicken Stillſchweigen beobachtet hatte, plötzlich zu mir:

„Aber, mein Gott! Mutter, was fällt mir da ein — —“

„Was, mein Kind?“

„Erinnerſt Du Dich nicht, als wir mit Dir gingen, um das Silbergeſchirr zur Goldwaarenhändlerin zu tra⸗ gen, ein kleines Mädchen geſehen zu haben, welches die Frau, während wir dort waren, ausſchalt, indem ſie zu ihm ſagte: „„Wenn Du mich wieder urzufrieden machſt. behalte ich Dich nicht mehr bei mir.“