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erſehnte Freundin ſehen ſollte. Endlich kam ſie. — Ich war in meinem Stübchen, das ich mit ihr theilen ſollte und das ich des⸗ halb ſo gut als möglich aufputzte. Man holte mich. Ich trat in das Zimmer; das Herz klopfte mir; Madame Georges zeigte mir das ſchöne Mädchen, die ſo ſanft, ſo beſcheiden und ſo'gut ausſah, und ſagte: „Marie, da iſt eine Freundin für Dich.“ — „Ich hoffe, daß Sie und meine Tochter bald wie Schweſtern ſein werden,“ ſetzte Madame Dubreuil hinzu. Kaum hatte ihre Mut⸗
ter dies geſagt, als Clara zu mir kam und mich küßte. — „Da, mein Vater,“ ſagte Marie weinend, „ich weiß nicht, was mit ei⸗ nemmale in mir vorging, — aber als ich das reine, friſche Ge⸗ ſicht Claras auf meiner befleckten Wange fühlte, brannte ſie mir vor Scham, — vor Reue, — denn ich gedachte an das, was ich geweſen war. — Ich, Küſſe empfangen von einem ſo züchtigen Mädchen! — Das kam mir wie ein Betrug, — wie eine unwür⸗
dige Heuchelei vor —“
„Aber, mein Kind —“
„Ach; mein Vater,“ unterbrach Marie den Geiſtlichen im Uebermaße ihres Schmerzes, — „als mich Herr Rudolph aus der Cité fortführte, ahnte mir undeutlich meine Erniedrigung —, aber glauben Sie, daß der Unterricht, der Rath, das Beiſpiel, das Sie
und Madame Georges mir gaben, indem ſie meinen Geiſt plötz⸗
lich erhellten, mir nicht das Verſtändniß eröffnet hätten, daß ich mehr verbrecheriſch als unglücklich geweſen? Vor der Ankunft Claras betäubte ich mich, wenn ſolche Gedanken ſich einſtellten, indem ich Madame Georges und Sie, mein Vater, zu befriedigen ſuchte. Wenn ich über die Vergangenheit erröthete, ſo geſchah es nur in meinen Augen. Aber der Anblick des ſo ſchönen, ſo tu⸗ gendhaften Mädchens in meinem Alter nöthigte mich, über den


