Teil eines Werkes 
Fernand Duplessis oder Denkwürdigkeiten eines Ehemanns : 14.-17. Bändchen (1851) Fernand Duplessis ou Mémoires d'un mari
Entstehung
Einzelbild herunterladen

234

Seht die Stolze! ſagte ich lächelnd zu mir ſelbſt;ſie fühlt ſich nun fähig, allein zu leſen Und ich wandte mich nach meinem Cabinet.

In dem Augenblicke, wo ich die Thüre öffnete, hörte ich Claudine einen Schreckensſchrei ausſtoßen.

Raſch trat ich ein; doch bei meinem Anblicke ent⸗ fiel meiner Frau das Journal des Débats, das ſie in der Hand hielt; ſie ſtieß einen zweiten Schrei aus, der noch erſchrecklicher als der erſte; dann lief ſie, leichenbleich vor Schrecken und wie von einem Schwindel befallen, aus meinem Cabinet ins Speiſe⸗ zimmer, von da in den Garten, eilte durch dieſen und verſchwand aus meinen Augen durch die Thüre, welche nach dem Walde ging.

Unbeweglich und beſtürzt, als ich Claudine mit verſtörten Zügen bei meinem Anblick fliehen ſah, dachte ich Anfangs nicht daran, ihr zu folgen. Bald aber von unſäglichen, wachſenden Bangigkeiten ergriffen, ſtürzte ich ihr nach; und als ich die zum Walde füh⸗ rende Thüre erreichte, erblickte ich in ber Ferne meine Frau, welche mit aller Geſchwindigkeit ihren tollen Lauf auf einem der Wege des Waldes fortſetzte. Die Unglückliche hatte vor mir einen Vorſprung von kaum ein paar Minuten, doch ich mußte mich gewaltig an⸗ ſtrengen, um ſie einzuholen; ſie hörte die Annäherung meiner Schritte, und indeß ſie ihre Geſchwindigkeit und Energie verdoppelte, um mir zu entkommen, ſchaute ſie hinter ſich, um zu beurtheilen, welche Entfernung uns noch trennte.

Oh! nie .. nie werde ich den Ausdruck von Verzweiflung und Schrecken vergeſſen, der in dem lei⸗ chenbleichen Geſichte von Claudine lesbar war. Nie werde ich vergeſſen, daß ſie in dem Augenblicke, wo ich nahe daran war, ſie zu erreichen, während ſie mir durch eine äußerſte Anſtrengung zu entkommen ſuchte, mit ven herzzerreißenden Tone der furchtbarſten Angſt ausrief: