Lebe wohl, Roſa, Dein Mann war weder ſchön, noch jung, noch eiferſüchtig, noch gewaltthätig; Du hatteſt völlige, zu völlige Freiheit, denn gewiſſe Schwie⸗ rigkeiten dienen als Stachel, während zu viel Freiheit, wenn nicht Sättigung, doch wenigſtens ſeltſame Con⸗ traſte herbeiführt, als ob ſich manchmal die menſchliche Seele durch die Fülle, durch die Größe ihres Glückes erdrückt fühlte.
Ich erinnere mich des ſonderbaren Umſtandes, auf welchen der letzte Brief von Dir, den ich ſo eben im Rauche habe verſchwinden ſehen, anſpielt.
Es war in der erſten Gluth meiner Liebe für Roſa. Seit einiger Zeit träumten wir unſer Ideal: einen Tag und eine Nacht in dem Landhauſe des Vaters von Roſa, einem im Thale von Montmorench, wo Roſa erzogen worden war, liegenden reizvollen Hauſe zuzubringen; ich mußte eine Abweſenheit des Vaters meiner Geliebten benützen und einen genügenden Vorwand finden, um mir zu erlauben, eine Nacht in Saint⸗Preuil zuzubrin⸗ gen, indem ich nur einfach zu Beſuche dahin gekommen war. Dieſe Schwierigkeiten wurden überwunden; ein ſo eben verbrannter Brief von Roſa benachrichtigte mich von der Abweſenheit ihres Vaters.
Den andern Tag kam ich nach Saint⸗Preuil an einem köſtlichen Junimorgen; die Luft war lau, die Sonne verſchleiert; ich war zu Pferde, gefolgt von ei⸗ nem Bedienten; ich kannte nicht dieſen Wohnort, ein wahres Blumenneſt, verborgen unter einer herrlichen Vegetation und ein mit den maleriſchſten Gegenden der Schweiz vergleichbares Thal beherrſchend.
Noch ſchöner durch das Vergnügen, unſern Wunſch verwirklicht zu ſehen, kam mir meine Roſa auf der Freitreppe entgegen, dann führte ſie mich in einen Sommerſpeiſeſaal, eine ländliche Rotunde bedeckt mit Stroh, deren Gitterwerk unter einer balſamiſch duften⸗ den Maſſe von indiſchem Jelängerjelieber in voller Blüthe verſchwand.


