ich, ich fürchtete Dich als ein gelehrtes kleines Mäd⸗ chen; als ich Dich ſpäter wiederſah, warſt Du ſech⸗ zehn Jahr alt .. Das Brauſen der Jugend hatte mich zu groben Vergnügungen hingeriſſen; ich trat bei den Pagen aus, um bei den Gardes⸗du⸗corps einzutreten. Du warſt nach dem Schloſſe meiner Großmutter im Berry gekommen, um den Sommer bei ihr zuzubrin⸗ gen; ich befand mich hier, einen Urlaub von einigen Monaten benützend; von Kindheit an dutzten wir uns; unſere Vertraulichkeit währte fort; unſere Verwandten betrachteten uns als Bruder und Schweſter; keine Be⸗ wachung that uns Zwang an; welche lange Spazier⸗ gänge machten wir auch unter den alten Kaſtanien⸗ bäumen während der Hitze des Tages. Und unſere Lecture unter dem Felſen des großen Waldes bei dem Flüßchen, Du auf der ländlichen Bank ſitzend und an Deiner Stickerei arbeitend, ich zu Deinen Füßen auf dem Mooſe gelagert und Dir Paul und Virginie vorleſend.
Ounſere langen Abende, im kleinen blauen Salon, wenn in ſchönen Sommernächten meine Großmutter, um den Anblickdes vom Monde beleuchteten Parks beſſer zu genießen, die Lichter bringen ließ; wir blieben ſo im Schatten, im Hintergrunde des Salon, ich bei Dir, Deine Hand in der meinigen, Beide ſchweigſam, nach⸗ denkend und zuweilen bebend vor Trunkenheit, wenn verſtohlen, die Unachtſamkeit Deiner Mutter benützend, unſere Lippen in der Dunkelheit ſich an einander preß⸗ ten .. O unſere Rendez⸗vous in der Frühe, in der Acacienhütte, wenn Du heimlich in Deinem weißen Mor⸗ gengewande, Deine kleinen Füße benetzt vom Thaue des Raſens, Deine Stirne feucht von der Haſt Deines Laufes, erſchienſt, und unſere Zuſammenkünfte in dem Tapiſſeriezimmer, wohin man durch einen geheimen Gang gelangte, der ohne Zweifel zur Erleichterung der Liebſchaften von einem der früheren Herren des Schloſ⸗ ſes erbaut worden war.


