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„Du zählſt kaum achtzehn Jahre und beſitzeſt ein offenes Geſicht, große Verſtellungskunſt und einen undurchdringlichen Charakter; ehe ich las, was ich geleſen habe, hielt ich Dich für die tugendhafteſte Frau. Ich mache Dir keine Vorwürfe; ich habe verdient, was mir geſchehen iſt.
„Es iſt Zeit, daß ich Dir das Räthſel meines Benehmens gegen Dich löſe.
„In Geſellſchaft meiner Freunde ſprach ich mit Dir von meinen Geliebten, ſpottete grauſam über die Männer, die ſich ſo lächerlich machen, in ihre Frauen verliebt zu ſein, und machte Dir ſcherzend Vorwürfe, daß Du ſo gleichgiltig gegen die Hul⸗ digungen wäreſt, die man Dir von allen Seiten darbrächte.
„War ich allein mit Dir, ſo änderte ich die Sprache; ich kniete vor Deinen Füßen nieder und küßte dieſelben wie ein Sclave; war ich allein mit Dir, ſo trieb mich die Zärtlichkeit zur Narrheit; war ich allein mit Dir, ſo fand ich keine Worte, die liebevoll genug klangen, um Dir zu ſagen: Dolorita, ich liebe Dich —
„Du verlangteſt keine Erklärung wegen meiner Geliebten; Dein Charakter blieb vollkommen gleich und heiterz ich ſah Dich ſo ernſt glücklich über meine Liebe (Dein Geſicht iſt offen und ernſt), daß ich mir einredete, Du hielteſt meine affectirte Liebe für Scherz oder hätteſt die geheimen Beweggründe meines Scheinens durchſchaut und fühlteſt Dich genug geliebt, um mir meine Schmach verzeihen zu können.
„Ich irrte mich.
„Vielleicht haſt Du niemals die Heftigkeit meiner Liebe zu Dir, noch meine ſchweren Kämpfe geahnt, dieſe Liebe zu ver⸗ heimlichen. 3
„Vielleicht glaubteſt Du, ich vernachläſſigte Dich wirklich — Dich, Du Engelskind — über längſt ſchon gebrandmarkten elenden Geſchöpfen.
„Kurz Du haſt vielleicht nie die Wahrheit geahnt.
„Ja, Du wirſt mich für grob⸗untreu, für unverſchämt gleichgiltig gehalten haben; die leidenſchaftlichen Betheurungen unter vier Augen werden die ſchmerzlichen Wunden nicht ge⸗ ſchloſſen haben, die Dir meine ſcheinbare Verachtung geſchlagen. Es iſt ganz gerecht, Dolores, und ich klage Dich nicht an; jetzt


