Teil eines Werkes 
1. Band, Therese Dunoyer : 1. Band (1845) Thérèse Dunoyer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— „Sie können nicht länger in dieſen von Seewaſſer und Regen durchnäßten Kleidern bleiben.“

Nach einigen Augenblicken eines finſtern Schweigens er⸗ wachte Ewen aus ſeinem Sinnen und ſprach, als wollte er ſich ſelbſt durch ſeine Worte beruhigen:

„Bah! Wenn der November der ſchwarze Monat heißt, ſo heißt der Mai der Blüthenmond. Ich muß ein Schwachkopf ſein, daß ich mich von ſolchen Beſorgniſſen guälen laſſe. Bin ich nicht der größten Gefahr entgangen, der ich bisher ausgeſetzt geweſen? Wenn Mor⸗Nader verrückt iſt, ſo iſt das kein Grund, daß er ein Wahrſager ſein muß. Ann⸗Jann, bring' mir das Abendeſſen“ — fuhr Ewen fort, indem er allmälig wieder ruhig wurde und ſeine Züge ihren gewöhnlichen Ausdruck annahmen. „Dann mache mir einen Becher Glühwein, von dem Du und Les⸗en⸗Goch auch Euren Theil erhalten ſollt.“

— „Den wir trinken wollen auf Ihre Geſundheit und glückliche Wiederkehr, Herr Ewen,“ antwortete der Bretagner. „Aber in ſolchem Wetter ſich auf das Meer zu wagen! das heißt Gott verſuchen.“

— „Und noch dazu mit Mor⸗Nader, heilige Jungfrau! das heißt, die Gefahr verdoppeln,“ warf Ann⸗Jann halblaut während ihrer Arbeit am Heerde ein.

Der Name des Lootſen machte einen peinlichen Eindruck

auf Ewen; ſein Geſicht verdüſterte ſich von Neuem einige Mi⸗ nuten lang, doch fuhr er mit einiger Anſtrengung, ſeine Heiter⸗ keit wieder zu erlangen, fort:

„Im Gegentheil, Amme, es iſt beſſer, auf dem Meere zu

ſein mit dieſem alten Hexenmeiſter, der der Windsbraut ange⸗ traut ſein ſoll; aber, beim heiligen Guehenoc, die Braut hat ihren Bräutigam heute tüchtig geſchüttelt und blutig gepeitſcht.“ — „Bis auf's Blut, Herr Ewen?“ „Siehſt Du die rothen Spuren da an meinen Bein⸗ kleidern?“ S — „Ja, Herr.“ „Nun, Les⸗en⸗Goch, wir wollten während eines Wind⸗ ſtoßes das große Segel einziehen; eine rieſengroße Woge legte das Fahrzeug faſt auf die Seite; Mor⸗Nader ſtolperte und ſchlug ſich im Fallen die Stirn auf. Glicklicher Weiſe hat er mehr Blut verloren, als Schaden gelitten.“