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— Mein liebes Kind, ich weiß nichts davon, frage Deinen Bruder.
— Lanieck, mein Bruder, ſage mir, bin ich jenem Herrn verkauft?
— Ja, Du biſt an den Baron verkauft und Du wirſt ſogleich, ſogleich gehen, Du wirſt gehen ohne Zögern. Der Kaufpreis iſt gegeben: funßzig Thaler weißes Silber und eben ſo viel glänzendes Gold.
— Meine gute Mutter, welche Kleider ſoll ich anziehen? Mein rothes Kleid oder weißwollenes Kleid, das meine Schweſter Helene gemacht hat?
— Fleide Dich, wie Du willſt, — ſagte mein Bruder, — es liegt wenig daran; an der Thüre ſteht ein Rappe, der wartet, daß die Nacht an⸗ breche, ein ſchwarzes Pferd, ganz ſchwarz gezäumt, das Dich forttragen wird.
Ewen hielt inne; die Thränen erſtickten ſeine Stimme. Auch Thereſe weinte.
„Dank Dir, Ewen, Dank Dir für dieſe wohlthätigen Thränen. Meine Augen brennen weniger, meine Seele ent⸗ faltet ſich. Und warum ſollen wir uns wundern über dieſen Contraſt? Findet nicht Desdemona in ihren trüben Ahnungen, in dem Augenblicke, als ſie ſterben ſoll, ein trauriges Vergnügen darin, die klagende Romanze von der Weide zu ſingen? Ewen“, ſetzte Thereſe lächelnd hinzu, „Shakeſpeare iſt ein großer Dich⸗ ter; er hat uns errathen und wir ahmen ihn nach, ohne daran zu denken.“
— „Es iſt ſeltſam, aber es iſt auch ein Glück, daß die menſchliche Seele ſolcher Eindrücke fähig iſt, wenn das Leben zu Ende geht; ich fühle noch mehr als Du, Thereſe, die we hl⸗ thätige Wirkung dieſer Thränen; ſie ſchwächen meinen nicht, ſie machen mir ihn leichter. — Die Legende verſenkte mich ſchon als kleinen Knaben in eine ſüße Melancholie. Wer mir damals geſagt hätte, daß ich ihr die letzten Thränen ver⸗ danken würde, die ich vergießen werde! Doch höre ſie zu Ende, Thereſe, und bei dem, was folgt, vergiß nicht, daß es für uns Bretagner nichts Heiligeres giebt als die Glocken unſerer Kirche; ihr Klang erweckt in uns eine Welt von lachenden, lieblichen, traurigen Gedanken, Gedanken der Taufe, der Trauung und dem Tode.“
Dann fuhr Ewen fort:
„Tina war nicht weit vom Dörfchen, als ſie die Glocken klingen hörte und ſie fing an zu weinen.
— Lebe wohl, heilige Anna, lebt wohl, ihr Glocken meiner Heimath; Kirche meines Dörfchens, lebe wohl.
An dem Angſiſee ſah Tina eine Schaar von Todten.


