„An einen der friedlichſten liebſten Abende, den ich als junges Mädchen in meinem Zimmer verbrachte. Es war vor zwei Jahren. Nach ungerechten Vorwürfen hatte meine Mutter mich zu ſtrafen geglaubt, wenn ſie mich verurtheilte, den Abend ganz allein zu ſein. Es war während meiner ſtärkſten Leiden⸗ ſchaft für René, meinen ſchönen melancholiſchen Helden — Ich ſehe mich noch, wie ich neben dem Feuer halb liegend auf mei⸗ nem Sopha ſitze, ganz allein das Bewundernswürdige Buch Chateaubriands leſe, mich an der Poeſie deſſelben berauſche und mich nach jenen großartigen Einöden der Bretagne ſehne, wo der traurige Bruder Ameliens ſich verirrte — Nie habe ich ſüßere Thränen geweint; nie wiegte mich ein reizenderer Traum — Wer mir damals geſagt hätte, daß ich nach zwei Jahren an dieſer ſo erſehnten Küſte der Bretagne ſein, einen eben ſo guten, zärtlichen und ritterlichen Mann wie René zum Freund, zum Gatten haben und doch traurig, — traurig, bis zum Tode be⸗ trübt ſein würde!“
— „Es iſt ſeltſam, Thereſe. Sieh dieſe Aehnlichkeit! Vor zwei Jahren dachte auch ich an ein Ideal; ich kannte Dich nicht und doch träumte ich von Dir — Ich ſagte zu mir: ohne Zweifel giebt es kein Weib ſo ganz nach meinem Herzen, und wenn eines lebt, wehe mir! werde ich dieſen Schatz nie beſitzen — Wer mir damals geſagt hätte, daß dieſer Traum in Efül⸗ lung gehen, daß dieſes Ideal meine Gattin werden, daß wie einen Bruder lieben, daß ich mein Leben neben ihr
in⸗ gen und daß ich doch traurig ſein würde, Thereſe, bis zum Tode betrübt!“
„Was iſt jetzt das Leben für uns? Was knüpft uns an daſ⸗ ſelbe? Welches ſind unſere Bande, unſere Vergnügungen, unſere Intereſſen? Das wenige Gute, das wir thun? Du haſt es hun⸗
dertmal geſagt: glücklich die Reichen! ihre Almoſen überleben ſie! — Der gute Abbé von Kerouellan wird unſer Teſtament erhalten und uns bei unſern Armen erſetzen — Die alten Diener —“
— „Ach, ſprich nicht von ihnen, Thereſe! — es thut mir weh — Ich will meine Undankbarkeit vergeſſen — Arme Amme! armer Les⸗en⸗Goch! Wenn Du ihn in jenem Kriege geſehen hätteſt! welche Treue! welcher Muth! — Sprich nicht von ihnen, Thereſe. Was giebt es für einen Mann nach ſeinem
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