43
jungen Schweſter aus. Montal hatte, wie bereits erwähnt, dieſes Kammermädchen beſtochen, die Clementinen hinwegführte und für das Zuſammentreffen Thereſens mit dem Grafen ſorgte.
Herr von Montal verließ das junge unglückliche Mädchen ganz troſtlos und erſchrocken; ſie verwünſchte die Bedenklich⸗ keiten des Grafen und verbrachte eine ſehr ſchlechte Nacht. Sie erkannte dabei, wie groß ihre Liebe zu Montal war und be⸗ dachte, daß ſie ihn durch einen ſchrecklichen Tod verlieren könnte.
Wir kennen nichts Rührenderes, nichts Heiligeres, als die Armuth, wenn ſie Gleichgiltigen gegenüber ſtolz iſt und ſchweigt oder mit Freuden über ihre Entbehrungen ſpricht, die ſie muthig oder ſelbſt mit Schmerzen trägt; aber unedel im höchſten Grade iſt es, zu thun, was Montal that, die Theil⸗ nahme und die Liebe eines jungen reichen Mädchens dadurch zu erzwingen, daß man unaufhörlich die ſchrecklichen Bilder vor Augen ſtellt, von der Kälte und dem Hunger ſpricht, die man erdulden wird, von den Lumpen, in denen man ſich wird zeigen müſſen, und von dem Selbſtmorde, der allein übrig bleibe, ſich von einem ſo ſchrecklichen Leben zu befreien.
Am Tage nach der Zuſammenkunft in Monceau ſchrieb Thereſe, die den Herrn von Montal in ſeinem Zimmer oben gehen hörte, flüchtig folgende Worte:
„Ich muß mit Ihnen ſprechen, erwarten Sie mich oben. Um drei Uhr geht meine Schweſter aus.“
Dann eilte ſie hinauf und ſteckte das Briefchen unter die Thüre. Ob ſie die große Bedeutung ihres Schreibens wohl er⸗ fannte, erſchien Thereſe um drei Uhr doch zum erſten Male in dem Zimmer Montals, aber bleich, verzweifelt, bittend; ſie beſchwor ihn, ſie nicht unglücklich zu machen auf ewig, ſondern ihren Vater um ihre Hand zu bitten, die er ihm nicht verſagen könnte.
Montal hütete ſich wohl, das blinde Vertrauen Thereſens diesmal zu mißbrauchen; er beruhigte ſie, ja er hielt ihr die Unvorſichtigkeit ihres Beſuches vor, bat ſie, ſchnell wieder hin⸗
unter zu gehen, und verſprach ihr, über das, was ſie ihm geſagt habe, nachzudenken.
Es war zwei Tage, nachdem Ker⸗Ellio dem Herrn von Montal ſeine Liebe zu Fräulein Dunoher geſtanden und, als er


