—— „—
—
39
Seite auf große Hinderniſſe ſtoßen. Thereſe Dunoyer liebte den Herrn von Montal leidenſchaftlich; ſie wechſelte Briefe mit ihm; ihr Verderben, ihre Entehrung hingen nur noch von einer Gelegenheit und von der Kühnheit des Mannes ab, den Julie nicht zum Gatten hatte nehmen mögen.
Wir glauben den romanhaften Character der Tochter des Banquiers, ihre traurige Erziehung, die ungerechte Härte ihrer Eltern gegen ſie hinreichend auseinandergeſetzt zu haben, um ihr Benehmen zu erklären, wenn nicht gar zu entſchuldigen. Bei der erſten Zuſammenkunft mit ihr hatte Montal durch ſein Verhalten den Don⸗Juan⸗Ruf nicht gerechtfertigt, den ihm Herr Achille Dunoyer beigelegt. Es war dies ſchlaue Berech⸗ nung von Seiten des Grafen; er würde ohne dies den Wider⸗ willen Thereſens geweckt haben, die, wie wir erwähnt haben, damals eine ſchwärmeriſche keuſche Liebe für René fühlte und mit Vergnügen das geräuſchvolle Pariſer Loben mit der Einſam⸗ keit in der Bretagne vertauſcht haben würde. Wir haben auch
erwähnt, daß Montal, nachdem er die Lectüre Thereſens erra⸗ then, eine nachdenkliche, melancholiſche Miene angenommeh hatte, welche das arme Mädchen um ſo mehr überraſchte, als Herr Dunoyer ſeinen neuen Freund ganz anders geſchildert hatte.
Es fehlte dem Herrn von Montal weder an Schlauheit noch an Scharfſinn; er errieth ſehr bald, daß Thereſe mehr edle Gefühle, als feſtſtehende Grundſätze beſitze, daß ihr Geiſt durch gefährliche Lectüre eraltirt und ihr Gemüth durch ſchlechte Be⸗ handlung gereizt ſei; daß ſie für ihren Vater und ihre Mutter weder Vertrauen noch Achtung haben könnez er erkannte mit einem Blicke den ganzen Einfluß, den er auf das junge Mäd⸗ chen auszuüben im Stande ſein würde, das ſich völlig ſelbſt
überlaſſen und durch nichts gegen die Schlingen geſchützt war,
welche er ihr ſtellte.
Er wollte gefallen, verführen; er gefiel und verführte. Thereſe hatte in den Geſellſchaften bei ihrer Mutter nie einen Mann geſehen, der mit Montal zu vergleichen geweſen wäre, und dann ſah er ſie mit einem ſo liebevollen, ſo traurigen Blicke an; er verſtand die poetiſchen Inſpirationen René's und ging in dieſelben ein; das weltliche Leben war ihm plötzlich ſo läſtig geworden. Hatte er nicht eine junge Künſtlerin aufge⸗ geben, welche die modiſcheſten jungen Herren um die Wette zu


