— —
23
„Allerdings“, ſprach Montal und erröthete gegen ſeinen Willen; „ich machte eine Jagdpartie in der Normandie mit.“ Gerr von Montal log; er war dieſe Zeit über in der kleinen Wohnung geweſen, die er in dem Hauſe Dunoyer's gemiethet hatte.) „Aber“, fuhr er fort, „ich bedaure ſehr, abweſend ge⸗ weſen zu ſein, wenn ich irgend eine Gelegenheit verabſäumt habe, Ihnen mit irgend etwas zu dienen.“
— „Sie können mir Keher Vetter, allerdings einen großen Dienſt erzeigen.“
„Sprechen Sie, ich bitte Sie darum.“
Nach einer kurzen Pauſe fuhr Ewen fort:
— „Sie haben mir Ihre Dienſte angetragen; Sie ſind ein getreuer braver Vetter und ich kann Ihnen Alles ſagen.“
Montal, den das feierliche Weſen des Barons überraſchte, reichte ihm die Hand.
„Sprechen Sie nur; verfügen Sie über mich, ich bitte darum.“
— „Halten Sie mich nicht für einen Narren, hören Sie mich an und Sie werden ſich vielleicht eine Vorſtellung von meiner ſeltſamen Lage machen können. Nach dem Kriege in der Vendée kehrte ich in die Heimath zurück, um in dem Hauſe meiner Väter zu leben; ich habe immer die Einſamkeit geliebt. Vor einigen Monaten nun erdachte ich mir nach langem zweck⸗ loſen Träumen und Sinnen ein Ideal, das alle Reize vereinigte, die ich an meiner Frau zu finden wünſchte. In meinem Zimmer befand ſich ein altes Familienportrait, das eine Frau von ſeltener Schönheit darſtellt; ich betrachtete dieſes reizende Geſicht oft, trug die Züge deſſelben allmälig auf mein Ideal über, und
— ſoll ich es Ihnen geſtehen? — verliebte mich in dieſes
Bild —“ „Das iſt ja ein Roman, lieber Vetter.“
— „Ja, ein alberner und ſchmerzlicher Roman. Ich ver⸗ liebte mich alſo leidenſchaftlich in dieſes Portrait — leidenſchaft⸗ lich, und dieſe Manie nahm einen ſo ernſten Charakter an, daß mein ehemaliger Lehrer, der Abbé von Kerouellan, mir rieth, die Bretagne zu verlaſſen. Ich kam nach Paris; die Zer⸗ ſtreuungen ſollten mein Gemüth beruhigen, und wirklich, ich ſah dieſe Chimäre bereits nur noch als einen Traum an, a


