„Madame, meine Mutter hat mich die Religion und deren Diener achten gelehrt, und ſie verdienen dieſe Achtung.“
Madame Heloiſe verſtand den Sinn dieſer Antwort nicht oder wollte ihn nicht verſtehen, ſie fuhr deshalb mit pikanter, Voltaireſcher Keckheit fort:
— „Wir Pariſerinnen lehren dagegen unſere Kinder die Scheinheiligen und Bigotten verachten. Nicht wahr, Achille?“
Herr Achille, eine andere Art Freigeiſt, antwortete ſorglos⸗
— „Ich lache über alles Religiöſe; 's ſind Albernheiten, die nur für Weiber und Kopfhänger paſſen. Nicht wahr, lieber Graf?“
Herr Achille war ſo ſtolz darauf, einen betitelten Mann an ſeinem Tiſche zu haben, daß er jene Adelsbezeichnung nie wegließ.
Der Herr von Montal wußte bereits, wie hart der Ban⸗ quier ſeine Tochter behandelte, und glaubte, Thereſen ſich ange⸗ nehm zu machen, wenn er den Herrn Achille perſifflire; er ant⸗ wortete deshalb mit der hochmüthigen Jronie ſeines Freundes Beauregard:
„Ich ſage Ihnen ganz offen, mein lieber Herr Dunoyer, daß wir beſondere Ideen über Religion haben; es mag eine Sache der Kaſte, der Partei, der guten Geſellſchaft, wenn Sie wollen, ſein, aber wir haben es uns immer zum Geſetz gemacht, die Geiſtlichen und die Religion zu achten.“
Das Wörtchen wir zog eine ſo ſcharfe Grenze zwiſchen Montal und Dunoyer, daß dieſer ſich ärgerlich auf die Lippen biß. Madame Helviſe wurde über und über roth.
Ewen war wieder in ſeine Gedanken verſunken und nahm durchaus keinen Antheil an dem Geſpräche.
— „s iſt eine bekannte Sache“, ſagte Herr Achille Du⸗ noyer; „Sie wollen die Religion als Mittel zur Herrſchaft brauchen, aber durch den Sieg des dritten Standes, durch die Revolution von 1789 iſt das Mittel unbrauchbar gemacht. Sehen Sie, das Centrum der Kammer, zu welchem mein Vater gehörte, iſt der einzige und wahre Adel unſerer Zeit; es giebt nur noch eine Ariſtokratie, die des Geldes. Ein Herzog 3 würde heut zu Tage für Sſeinen Titel nicht vier Sous be⸗ kommen.“ ℳ


