9
— „Ich habe nichts zu ſagen,“ antwortete Dolores in vollkommen ruhigem Tone.
„Und dieſe Briefe? dieſe Briefe?“
Die Marguiſe ſchwieg.
Beauregard fuhr fort, indem er ſich zu mäßigen ſuchte:
„Ich könnte jetzt dieſes Schweigen der Schaam, der Be⸗ ſtürzung zuſchreiben; da Du aber ſoviel Geiſtesgegenwart be⸗ halten haſt, um die Briefe zu zerreißen, ſo heuchle nicht länger Verlegenheit; ich laſſe mich von Dir nicht täuſchen. Nach einem Benehmen, wie das Deinige, habe ich wohl das Recht, einige Worte der Reue von Dir zu erwarten.“
Dolores blieb ſtumm.
Zum erſten Male in ſeinem Leben war der aufgebrachte Marquis nahe daran, ſich thätlich an einem Weibe zu vergrei⸗ fen; er ballte wüthend die Fauſt, erröthete aber auch faſt ſogleich über ſeine leidenſchaftliche Hitze, trat ſchnell von dem Bette ſeiner Frau zurück, ſank auf ein Sopha und verbarg das Geſicht unter ſeinen Händen.
Ohne daß es ihr Gemahl bemerkte und mit bewunderns⸗ würdiger Schnelligkeit legte die Marquiſe ein auf dem Stuhle neben dem Bette hängendes Hauskleid an, trat mit den bloßen Füßen in Pantoffeln, rückte einen Stuhl an den Kamin uud ſchürte das Feuer wieder an.
Bei dieſem Geräuſche drehte der Marquis ſich um und ſah ſeine Frau da ſitzen. Sie hatte das Häubchen abgenommen und ſtrich mit der kleinen weißen Hand ihre ſchwarzen Haar⸗ ſchalen glatt, während ihre Stirn fortdauernd ruhig und ihr Blick unerforſchlich blieb.
Beſiegt, überwältigt durch dieſe diaboliſche Kaltblütigkeit, nahm Beauregard einen Stuhl, rückte ihn an den Kamin, heu⸗ chelte eine Ruhe, die er durchaus nicht beſaß, und ſagte zu Dolores: „Ich ſehe, daß Du eheliche Erklärungen nicht liebſt. Dein Schweigen iſt ſehr bedeutſam — auf eine alberne Frage giebt man keine Antwort — Ich verſtehe. Ich habe die Be⸗ weiſe Deiner doppelten Untreue in der Hand; ich zeige ſie Dir und hoffe wenigſtens einige Worte der Reue von Dir zu er⸗ halten; — nichts. Dein Geſicht bleibt marmorkalt; Du biſt gerichtet. Unter hundert Frauen, die unter ſolchen Unſtänden
— „


