Teil eines Werkes 
Fernand Duplessis oder Denkwürdigkeiten eines Ehemanns : 1.-4. Bändchen (1851) Fernand Duplessis ou Mémoires d'un mari
Entstehung
Einzelbild herunterladen

M

W

8

239

ſein ſollſt. Es geziemt ſich nicht für eine Mutter, ihrer Tochter zu ſchmeicheln, und ich weiß, daß die Frauen von Geiſt ſehr ſelten ſind; aber in Ermange⸗ lung von Geiſt haſt Du oft geſunden Verſtand, und heute gebricht es Dir durchaus hieran.“

„Meinetwegen!“

„Es gibſt kein meinetwegen! Du redeſt unvernünf⸗ tig. Wie, Du möchteſt etwa gern, daß Herr Fernand Dupleſſis hier Tage vom Morgen bis zum Abend un⸗ ter vier Augen mit Dir zubrächte, um Dir Muße zu geben, ſeinen Charakter zu ſtudiren? Das würde einen, zwei, drei Monate dauern, wer weiß? und Du bildeſt Dir ein, Männer würden ſich der Demüthigung ausſetzen, ihren Charakter, ſo zu ſagen, probiren zu laſſen? abgeſehen von der Unſchicklichkeit dieſer bei einer jungen Perſon zugebrachten Tage! Wahrhaftig, man ſollte glauben, Du ſeiſt bei Wilden erzogen worden?“%

„Dit Amerikaner, die Engländer, die Deutſchen ſind alſo Wilde?“

„Was ſchwatzeſt Du da?“

„Ich war in Penſion mit Ellen Davy, einer Ame⸗ rifanerin, deren Eltern lange in England gewohnt haben.“

„Gut, und hernach?“

„Es war in der Penſion auch Helmine Blum, eine Deutſche.“

„Worauf zielſt Du denn ab, mit Deinen Deutſchen und Deinen Engländerinnen?“

„Nun denn! Mama, in den Ländern, von denen ich ſpreche, können die jungen Perſonen, welche heira⸗ then ſollen, ſo viel es ihnen beliebt, die jungen Leute, die man ihnen vorſchlägt, ſehen und empfangen, ſogar mit ihnen ausgehen, und man heirathet ſich immer nur, nachdem man ſechs Monate, ein Jahr, ſogar mehr, in vertraulichem Umgange mit einander gelebt hat; man

hat, auf dieſe Art, jede Zeit, um ſich kennen zu lernen,