46
Was ſoll ich noch mehr ſagen„ ich zählte fünf⸗ zehn und ein halbes Jahr... Madame Rahmond war die erſte Frau, deren Schönheit mir aufſiel, und ich ſi mich von einer unbeſchreiblichen Verlegenheit er⸗ griffen.
VI.
Madame Rahmond empfing ihren Sohn mit dem Erguſſe einer leidenſchaftlichen Zärtlichkeit; während dieſes Austauſches von Liebkoſungen zwiſchen Jean und ſeiner Mutter hatte ich Zeit, mich von meinem Erſtaunen und meiner Gemüthsbewegung zu erholen.
Ich erwiederte, ſo gut ich nur immer konnte, den wohlwollenden Empfang der Mutter meines Freundes. Sie ſchien mich mehrere Male mit einem aufmerkſamen Blick zu beobachten; ohne Zweifel ſuchte ſie in meiner Phyſiognomie zu leſen, ob ich ſo ſei, wie mich Jean geſchildert. Dieſe Prüfung, die ſie übrigens artig zu verhehlen bemüht war, erneuerte meine Verlegenheit und meine Röthe; ich weiß nicht, warum ich ganz leiſe meine Muscadin⸗Tracht verfluchte.
Die geringſten Einzelheiten meiner erſten Zuſam⸗ menkunft mit Madame Rahmond haben ſich, aus vielen Gründen, ſo in mein Gedächtniß eingeprägt, daß ich mich nach langen Jahren beinahe buchſtäblich mehrerer Theile unſeres Geſpräches erinnere.
So ſagte dieſe reizende Frau gleich Anfangs zu mir:
„Es iſt ſchon lange her, Herr Fernand, daß ich Sie kennen zu lernen wünſchte; mein Sohn hat oft mit mir von Ihnen, als von ſeinem beſten Freunde geſprochen.“
„Oh! ja, Madame,“ antwortete ich naiv,„und nicht ohne Ueberwindung hat mich Jean zu ſeinem Freunde haben wollen.“ 34½
„Jean gewährt ſeine Freundſchaft nicht leichtſinnig. Er weiß, wozu er ſich verbindet; aber hat er ſie ein⸗ mal gewährt, ſo iſt ſie gut gewährt, Herr Fernand.“


