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30 NIVOSE AN X. MARTVR DE LA LIBERTE.*)
Ich erinnerte mich nun des düſtern Geſichtsaus⸗ vrucks von Jean Rahmond, als er mir einſt ſagte: „Mein Vater iſt todt!“ und ich errieth, daß mit dieſem Tod ohne Zweifel die traurigen Reliquien, die ich ſah, in Verbindung ſtanden; ich beſaß Selbſtbeherr⸗ ſchung genug, um meine Verwunderung und meine Ge⸗ müthsbewegung zu verbergen; doch ich hatte das Ende meines Erſtaunens noch nicht erreicht.
Als wir in das Schlafzimmer von Madame Ray⸗ mond eintraten, war dieſe mit dem Ordnen einiger Pa⸗ piere in einem Serretaire beſchäftigt und wandte uns den Rücken zu. Nach einem Augenblick ſchloß ſie den Seeretaire und kam uns entgegen.
Ich weiß nicht, warum ich mir, an die Mutter von Rahmond denkend, eine große, magere Frau mit dü⸗ ſterer, ernſter Miene vorgeſtellt hatte. Welch ein Irr⸗ thum! Ich ſah vor mir eines der anziehendſten Geſich⸗ ter, die ſich träumen laſſen.
Madame Raymond, obgleich ſie damals ſechsund⸗ dreißig Jahre alt war, ſchien kaum dreißig zu ſein; ſie war blond, von mittlerem, aber vollendetem Wuchſe, ihr ſchwarzes Kleid machte die Weiße ihrer Haut blen⸗ vend; ihre großen azurblauen Augen, hatten einen ſo ſanften, ſo innigen, ſo ſchwermüthigen und dennoch ſo liebreichen Ausdruck, daß ich, als ſich ihr Blick einen Moment auf mich heftete, erröthete; ihre leicht adler⸗ artige Naſe, ihre aſchblonden, kühn gebogenen Brauen gaben ihren reizenden Zügen, trotz der Freundlichkeit des Blickes, einen Charakter mertwürdiger Feſtigkeit, den ein Halblächeln, das ihre Perlzähne erſchauen ließ, milderte.
*) Am 30. Nivoſe im Jahre 10. Märtyrer der Freiheit.— Der 30. Nivoſe(Schneemonat)i. J. 10 iſt der 19. Jan. 1802.
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