5 ihrem Vater, einem der reichſten Stadtvögte jener Zeit.
Wie die friſche Geſundheit meiner Großmutter durchaus nicht durch die Jahre geſtört worden war, ſo hatten die ungeheuren revolutionären Ereigniſſe, welche unter ihren Augen in Erfüllung gegangen, in keiner Hinſicht ihren Charakter oder ihre Ge⸗ wohnheiten geändert; nach ihrer Anſicht hatte die Re⸗ volution den höheren Bürgerſtand für die unerträgliche Unverſchämtheit der Hofleute gerächt... Nichts mehr, nichts weniger.
Und dennoch,— eine ſeltſame Erſcheinung odet vielmehr eine gewöhnliche Erſcheinung bei dergleichen Dingen,— war meine Großmutter, ohne den Schatten von angewandtem Stolze zu haben, eben ſo ſtolz darauf, unter ihren Voreltern Schöppen und Stadtvögte, Notabeln u. ſ. w. zu zählen, als der Adel ſtolz darauf iſt, unter ſeinen Ahnen Marſchälle, Cardinäle u. ſ. w. zu zählen.
Mit einem Worte, Frau von Francheville ſah na⸗ türlich, aufrichtig, zwiſchen dem höheren Bürgerſtande, zu dem ſie gehörte, und dem Kleinhandel oder dem nie⸗ drigen Volke dieſelbe Entfernung, welche die Herren vom höchſten Adel zwiſchen ſich und den kleinen Gvel⸗ leuten oder den Bürgern ſehen.
Bis an das Ende ihres Lebens iſt alſo meine Großmutter das geblieben, was ſie bei ihrem Eintritt in die Welt, im Jahre 1760, war: eine Frau vom hohen und reichen Bürgerſtande jener Epoche. So hatte ſie ſich, wie alle Frauen ihrer Klaſſe und ihrer Zeit, den Geiſt in der Schule von Voltaire, Diderot, d'Alembert gebildet, aber ihr bevorzugter Schriftſteller war Voltaire, dieſer ſo weſentlich bürgerliche ſpöttiſche Skeptiker; die vermeſſene Ironie, die glänzende und leichte Philoſophie des Verfaſſers von Candide ent⸗ zückten Frau von Francheville und hielten ſie im Frie⸗ den und in der Freude. Jean Jacques Rouſſeau flößte
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