8
der in Ruheſtand verſetzten Seeleute, welche in Santa Maria wohnten. Waren die Nachrichten, welche man aus dieſer Quelle ſchöpfte, auch nicht immer ganz authentiſch, ſo konnte man doch wenigſtens nicht läugnen, daß ſie gut erſonnen wa⸗ ren. Nähere Umſtände, bezeichnende Worte, Portraits, nichts fehlte. Fromm, mit ſanftem, verſöhnlichem Geiſte begabt, ſtrömte der Barbier das Glück durch alle Poren aus. Er war ſtets ſorgfältig ſchwarz gekleidet, ſeine grauen glatten Haare waren hinter die Ohren geſtrichen, und zwei große rothe Flecken, die Augenbrauen erſetzend, zeigten ſich über zwei kleinen ſchie⸗ lenden Augen von ſeltener Lebhaftigkeit. Was an ihm beſon⸗ dere Aufmerkſamkeit verdiente, war ſeine Hand, deren Weiche und Weiße, in Verbindung mit ihren roſigen Nägeln, einem Kanonikus von Toledo Ehre gemacht haben würde.
Florez bebte alſo bei der frechen Aeußerung Joſephs heftig, und dieſe plötzliche zornige Bewegung machte die ſonſt ſo feſte und ſichere Hand wanken. Der ſcharfe Stahl ſchnitt leicht in den Hals eines ſeiner Kunden, der ſich wohlgefällig in einem großen Seſſel von polirtem ſchwarzen Holz dehnte, auf dem allmälig alle Seeleute von Santa Maria Platz nahmen.
„Hol' Euch der Teufel, Meiſter,“ rief der Geſchnittene, in⸗ dem er von ſeinem Sitze aufſprang.„Der Poſten des Scharf⸗ richters iſt in Cordova erledigt. Beim Chriſtus, Ihr könnt ihn ethalten, denn Ihr habt vortreffliche Anlage dazu, Chriſten⸗ leuten die Kehle abzuſchneiden.“
Er trocknete mit dem Ende ſeiner Schärpe das Blut ab, das aus ſeiner Wunde floß.„Beruhigt Euch,“ erwiderte Flo⸗ rez wichtig, getröſtet, entzückt faſt über ſeine Ungeſchicklichkeit, durch den bloßen Gedanken, daß er dadurch Gelegenheit erhielt,
ſeine chirurgiſchen Kenntniſſe zu zeigen;„beruhigt Euch, mein
lieber Sohn; das Oberhäutchen iſt nur verletzt, die Haaradern ſind durchſchnitten, und ein Diachylon⸗Pflaſter, oder irgend eine heilende Salbe, wird meine Ungeſchicklichkeit wieder gut machen. Offen geſtanden, wird Euch dieſer kleine Aderlaß ſelbſt ſehr heilſam ſein, denn Ihr ſcheint mir ein Gevatter, der ſehr zum Schlagfluß geneigt iſt. Statt zu fluchen, mein Sohn, ſolltet Ihr—“
„Euch danken! nicht wahr, Meiſter? Ich will mich daran erinnern, und beim erſten Meſſerſtoß, den ich austheile, werde ich dem Alkade ſagen: Herr, mein Feind iſt ein Gevatter, der


